Helmut Schmidt

Auf eine Zigarette mit

Über einen guten Ratschlag von Mark Aurel

Lieber Herr Schmidt, noch nie haben wir über den römischen Kaiser Mark Aurel gesprochen, obwohl er vielleicht Ihre Lieblingsgestalt in der Geschichte ist.

Mark Aurel begleitet mich jetzt schon seit 75 Jahren. Als ich 15 war und konfirmiert wurde, hat mir ein Onkel die Selbstbetrachtungen in deutscher Sprache geschenkt. Es war ein ungewöhnliches Geschenk, das mich bald fasziniert hat. In dem Büchlein habe ich im Laufe des Lebens immer und immer wieder gelesen.

Was hat Sie so fasziniert?

Die stetige Ermahnung, seine Pflicht zu erfüllen, kombiniert mit der Ermahnung zur inneren Gelassenheit. Offenbar war Mark Aurel von Natur aus nicht unbedingt ein gelassener Mensch, aber er hat sich immer wieder zur Gelassenheit ermahnt.

Es heißt, Sie hätten Ihren Mark Aurel auch im Krieg bei sich getragen.

Helmut Schmidt

Das ist richtig. Ich trug das Buch in einer Packtasche, in der auch ein Heft von Matthias Claudius steckte, eine Art Vermächtnis an seinen Sohn.

In Ihrem Buch "Weggefährten" schreiben Sie durchaus selbstkritisch, dass Mark Aurel Sie zwar die Tugenden der Pflichterfüllung und der inneren Gelassenheit gelehrt habe, Sie aber erst nach der Nazizeit begriffen hätten, was er Sie nicht gelehrt hatte – nämlich selbst zu erkennen, was Ihre Pflicht war.

Ja, das ist das gleiche Problem wie bei Immanuel Kant und seinem kategorischen Imperativ. Er sagt, du sollst nur nach derjenigen Maxime handeln, von der du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde. Wenn man aber in einer konkreten Situation eine Entscheidung treffen und rasch handeln muss, ist das eine ziemlich harte Nuss!

Was wäre denn in der Nazizeit Ihre Pflicht gewesen?

Ich habe es für meine Pflicht gehalten, durchzuhalten – und natürlich wollte ich am Leben bleiben – und gleichzeitig als Soldat das zu tun, was mir aufgetragen war. Es war eine paradoxe Situation: Nachts war man sich darüber im Klaren, dass Hitler ein Verrückter war, dass der Krieg verloren gehen würde und dass Deutschland sich bei Kriegsende in schrecklichen Umständen wiederfinden würde. Tagsüber hat man dann wieder Hitlers Befehle befolgt. Schizophren!

Nun war Mark Aurel selbst ein Mann voller Widersprüche: Er hat, obwohl er kein Christenhasser war, die blutige Verfolgung der Christen fortgesetzt. Und er hat seinen offensichtlich unfähigen Sohn Commodus zum Nachfolger bestimmt, der sich dann zu einer Art Idi Amin der Antike entwickelte.

Mit der Vita von Mark Aurel habe ich mich nicht beschäftigt. Die kann ich nicht beurteilen. Aber es wundert mich, was Sie sagen.

Helmut Schmidt

Finden Sie denn, dass Gedanken, Worte und Taten eines Menschen übereinstimmen müssen?

Es muss Übereinstimmung geben zwischen dem, was ein Mensch in seinen Gedanken für geboten und richtig hält, und dem, was er tatsächlich tut.

Das ist die Glaubwürdigkeit, nach der wir uns alle so sehnen.

Daraus kann Glaubwürdigkeit erwachsen.

Von Mark Aurel stammt der Satz: "Tue nichts widerwillig, nichts ohne Rücksicht aufs allgemeine Beste, nichts übereilt, nichts im Getriebe der Leidenschaft." Spricht da nicht auch Helmut Schmidt?

Ja, das ist richtig.

Und zum Nachruhm von Männern wie Scipio oder Cato merkt Mark Aurel an: "Alles vergeht und wird bald zum Märchen und sinkt rasch in völlige Vergessenheit." Stimmt das denn?

Helmut Schmidt

Nein, da hat er unrecht. Cato ist bisher nicht in Vergessenheit geraten, Scipio auch nicht. Was mich selbst angeht, so würde ich etwas abgeschwächt sagen: Das, was die Nachwelt vermutlich über dich denken, sagen oder schreiben wird, darf das, was du heute zu tun hast, nicht beeinflussen.

"Mich faszinierte die Ermahnung zur inneren Gelassenheit"

ZEIT magazin Das Gespräch führte Giovanni di Lorenzo ––– Foto M. Niehues/advantage