Die Zahlen sollten sich auch in den folgenden Jahrzehnten kaum ändern. Bei einer Umfrage im Frühjahr 1970 beurteilten nur 39 Prozent der Befragten die Widerständler positiv; noch 1985 bot sich ein ähnliches Bild. Erst 2004 gab es erstmals (in einer Umfrage von TNS Infratest für den Spiegel) eine überwiegend zustimmende Bewertung des 20. Juli: Bei 33 Prozent der Befragten stieß die Tat auf »Bewunderung«, bei 40 Prozent auf »Achtung«, bei 10Prozent auf »Gleichgültigkeit« und lediglich bei jeweils 5 Prozent auf »Ablehnung« oder »Verachtung«.

Schon diese dürren Zahlen lassen erahnen, wie sehr in den fünfziger Jahren aus der Defensive heraus argumentiert werden musste. Dies zeigt auch ein Beispiel aus dem Jahr 1958. Da erklärte der Publizist Rudolf Pechel bei einem Vortrag in Berlin, »eine Zugehörigkeit zum Widerstand gegen Hitler« sei »heute in keinem Bundesministerium eine Empfehlung«. Er wies darauf hin, dass weder Verteidigungsminister Franz Josef Strauß (CSU) noch ein einziger Offizier seines Hauses 1957 an der Weihe einer Kapelle für die Brüder Stauffenberg teilgenommen hatten. »Der Einfluß der Überlebenden des Widerstandes ist heute in Deutschland gering […]. Intellektuelle Rollkommandos mit notorischen Denunzianten und Rufmördern an der Spitze können sich in Verunglimpfungen der Widerstandskämpfer versuchen, ohne daß ihnen etwas geschieht.« Viele ehemalige Regimegegner und ihre Angehörigen, so führte Pechel aus, kämpften »vereinsamt und schutzlos gegen derartige Verleumdungen, ohne daß etwas von maßgebender Seite unternommen« werde.

Pechels Klage verklang ungehört. Zwar gedachte man seit 1952 öffentlich des Umsturzversuches von 1944 – doch erst während der achtziger Jahre setzte es sich durch, dass am 20. Juli alle Widerstandskämpfer geehrt werden, ob Kommunist oder Zeuge Jehovas, ob Professor oder Proletarier, ob gewaltlos oder militant. Bei den ersten Berliner Gedenkstunden in Plötzensee oder im Bendlerblock fanden sich fast nur Überlebende und die Angehörigen der Ermordeten ein. Der frühere bayerische Justizminister Josef Müller (CSU), der selber im KZ gesessen hatte, zog am 19. Juli 1959 ein bitteres Fazit der Veranstaltungen. Er sah »fast immer das gleiche Bild: Wir waren unter uns. Die Redner sprachen zu Erfahrenen, nicht aber zu Menschen, die erfahren wollten. Hier standen Frauen und Männer, deren Gewissen bereits entschieden hatte, nicht aber jene, die sich sogar weigerten und bis heute weigern, zumindest ihr Wissen um das Geschehen jener Zeit zu vervollständigen. War das unvermeidbar, oder könnte das auch anders sein?«

Wenige Tage zuvor, am 17. Juli, hatte Marion Gräfin Dönhoff in der ZEIT noch die Tatsache gelobt, dass in Berlin erstmals auch Angehörige der Bundeswehr – wegen des entmilitarisierten Status der Stadt in Zivil – einen Kranz niederlegen würden. In ihrem Artikel wies sie auf den Aufruf des Generalinspekteurs der Bundeswehr Adolf Heusinger hin. Heusinger, selbst Mitwisser des Umsturzversuches, hatte den 20. Juli »eine Tat gegen das Unrecht und die Unfreiheit« genannt, einen »Lichtpunkt in der dunkelsten Zeit Deutschlands«. Dies war ein Bekenntnis.

Doch zu einem gesetzlichen Feiertag hat man sich nie entschlossen – bis auf den heutigen Tag. 1960 kam es zu einer eher peinlichen Entscheidung: Die Regierung Adenauer konnte sich trotz heftiger Kritik der sozialdemokratischen Opposition nicht einmal dazu durchringen, eine bundesweite Beflaggung der Bundesgebäude am 20. Juli anzuordnen. Es gebe schon zu viele Tage, an denen geflaggt werde. »Die Frage, welcher davon würdiger sei als der 20. Juli«, kommentierte die Frankfurter Rundschau sarkastisch, »dürfte kaum befriedigend beantwortet werden. Die Bonner Entscheidung paßt aber zu der geistigen und politischen Entwicklung der Bundesrepublik. Das Attentat ist mißlungen, der Widerstand eine unangenehme Erinnerung für viele längst wieder wichtige Männer. Fahnen wehen bei weniger eindeutigem Anlaß.« Und selbst der Rheinische Merkur fragte: »Hat man etwa Angst davor, daß die Ehrung der Männer vom 20. Juli die Grundlagen der staatlichen und besonders der militärischen Autorität zerstören könne, weil das doch Verschwörer, Eidbrecher und Revolutionäre waren?«

Nein, ein offenes, von der Mehrheit der Bevölkerung geteiltes Bekenntnis zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus war augenscheinlich auch im Jahr 1960 noch nicht möglich. Nur in Hessen und in Berlin wurden die öffentlichen Gebäude weiterhin am 20. Juli beflaggt.

Anfang der sechziger Jahre umwehte den Tag zwar nicht mehr das Odium des Verrats, doch zu einer eindeutigen Ehrung der Akteure konnten sich – mit Blick auf ihre Wähler – nur die wenigsten Politiker entschließen. Und was für den 20.Juli galt, galt auch für den Widerstand aus der Arbeiterbewegung. Er sollte ebenso wie die Tat des anderen Attentäters Georg Elser, der Hitler am 8. November 1939 zu töten versucht hatte, erst Jahrzehnte später gewürdigt werden.