In der laufenden Debatte um das öffentlich-rechtliche deutsche Fernsehen würde ich gerne einen Einwand erheben. Der Zorn über die Sender entzündet sich seit Monaten vor allem an den (vor 30 Jahren von Produzent Günter Rohrbach so bezeichneten) "amphibischen" Filmen, jenen Mischfilmen aus TV und Kino. Zum Beispiel am überraschenden Päpstin- Ausstieg von Volker Schlöndorff im Sommer 2007 und dann am Anonyma- Untergang bei der Kritik und an der Kinokasse. Alle sind sie zunächst Kinofilme, später TV-Mehrteiler: Der Baader Meinhof- Hit genauso wie jetzt die Buddenbrooks. Dieses Event-Gefilme sei angeblich nur noch "Fernsehen fürs Kino", wird gesagt. Weil den Filmen ihre (behauptete) Mediokrität gewissermaßen systembedingt vom reichen Geldgeber TV in der herrlichen Kathedrale des Kinos aufgezwungen werde. Per rabiater TV-Einflussnahme in den Fördergremien. Das Fernsehen beschmutze sozusagen das Kino.

Die Dinge liegen aber im Kern etwas anders, und es gibt auch ein deutsches Beispiel dafür: Das Boot war ein früher amphibischer Film. Und Das Boot war als TV-Serie im Fernsehen sogar noch besser. Weil es dort fast drei Stunden länger und damit epischer, physischer, beharrlicher zuging als in der weltweit erfolgreichen Kinofassung. Es liegt also vielleicht auch am Regisseur, ob aus einem Mehrteiler fürs Fernsehen etwas ebenso Grandioses werden kann wie aus dem dazugehörigen Kinofilm – oder umgekehrt. Das Gejammer über das verlorene Kinoglück bleibt ein Gespenstergesang. Längst ist das Kino eine reine Subventionskultur geworden, und wenn ein Hauptsponsor wie das Fernsehen daherkommt und einem viel Geld für einen Film gibt (früher bei Rossellinis Messias war das zum Beispiel ein amerikanischer Wurstfabrikant) – dann könnte man sagen: Nehmt es doch, und macht das Beste daraus! (Der Wurstfabrikant war übrigens unglücklich damals mit dem Endergebnis. Der Film bleibt dennoch ewig.)

Natürlich ist das Fernsehen weitsichtiger als ein amerikanischer Wurstfabrikant. Es braucht all die inspirierenden Großprojekte, denn in seinem Inneren tobt ein Kampf: Das öffentlich-rechtliche TV-Wesen ist mental seit den Neunzigern leicht aus den Fugen. Es hat sich damals an seinen Spitzen ohne rechte Not in eine Zwangsideologie hineinmanövriert. In eine Kontrollmanie, die alles, was gesendet wird, zwischen Publikumsquote und Kulturanspruch in Schubladen zwängt. Anstatt einfach immer nur das zu machen, wozu man Lust hat und wovon man überzeugt ist, unterjocht man sich nun schon jahrelang dem Quotenerfolgsdruck und stellt reichlich Flachkäse her als angeblich notwendige Legitimation für die Gebührengelder. Ob sich diese Argumentation für den Schnulzen- und Soap-Terror wirklich halten lässt, erscheint allen längst fraglich. Die Sendeplätze wurden seit den Neunzigern planwirtschaftlich durchstrukturiert, allen Filmen wurden Standardlängen wie Fußfesseln verpasst, "zur Orientierung unserer Zuschauer". Dieselbe Argumentation ist aber beim nächsten Sportereignis sofort obsolet. Im Jahr 2000 gab es eine sogenannte Süßstoff-Offensive in der ARD, bei der in einem programmatischen Papier auf Benutzerfreundlichkeit im Hauptabendprogramm bestanden wurde. Beispielsweise auf "nicht abstoßendem Milieu" oder "keine Untertitelungen" (bei Letzterem hat Mogadischu gerade eben das Gegenteil bewiesen).

Und doch ist neben diesem einseitigen Zugriff bislang auch eine ganz andere Kraft in den Sendern wirksam. Da sind all jene inhaltlich denkenden Redakteure und Fernsehspielchefs, die permanent versuchen, nicht die weiße Fahne der Kapitulation zu hissen, sondern die auf ihre Weise Widerstand leisten und gleichzeitig Konsens stiften wollen. All diese engagierten Redakteure glauben an so was Ähnliches wie "Qualität und Quote", an diesen seltsamen Zwitter, der einerseits die Quotenjäger im eigenen System befrieden und andererseits trotzdem erzählerische Freude, manchmal sogar Innovation spenden soll. Dieser Widerspruch spitzt sich in den Event- und Großproduktionen natürlich zu. Je mehr Geld nötig wird, desto mehr Einflussnahme, desto mehr Bereitschaft gibt es, allen Wünschen gerecht zu werden. Im Artikel Zu viel Fernsehen im Kino in dieser Zeitung wurden den deutschen Event-Movies alle klassischen Fehler des TV-Films vorgeworfen: flache Bildgestaltung, Holzhammer-Dramaturgie, "reflexhaft" eingesetzte Musik. Aber wenn tatsächlich so viele dieser Event-Movies – ob beim Publikum erfolgreich oder nicht – künstlerisch schiefliegen, wie zurzeit scharf angemerkt, dann trägt dafür sicher nicht nur der Fernsehpartner die führende Verantwortung. Dann liegt es auch an uns, an den Machern.

Dass in der einen Szene dringend eine emotionalisierende Großaufnahme zu drehen wäre, dass hier jenes Kleid der Hauptfigur sofort gewechselt werden müsste, dass dort das Licht heller sein sollte und der Dialog noch erklärender…: Ja, ich weiß, solche Wünsche oder sogar Anweisungen gibt es. Aber kaum auf der Ebene jener Filme, über die wir hier reden. Und viele meiner "Event-Regie"-Kollegen, die ja auch alle bekannte Namen haben (ich selbst habe bislang keine Event-Movies gemacht), könnten das bestätigen.

All die hektisch aufgestellten Standards drohen das System zu ersticken

Ich persönlich habe durchaus einige deutsche Großkinoproduzenten erlebt, die versucht haben, Filme und Drehbücher im Detail massiv zu beeinflussen, manchmal zum Schaden der Filme. Aber niemals bin ich einem Fernsehredakteur oder Programmchef begegnet, der versucht hätte, ein Projekt zu verbiegen. Ich habe zwar etliche Drehbücher überhaupt nicht finanziert bekommen, aber wenn einmal etwas begonnen wurde, dann gab es mit den Redakteuren/Redakteurinnen auch immer den gemeinsamen Weg bis zum Abschluss. Überhaupt gilt für jedwede Einflussnahme: Niemand kann einen Regisseur dazu zwingen, einen schlechten oder mittelmäßigen Film zu machen, auch nicht in Deutschland. Und ich bin immer noch der Meinung, dass der Regisseur allein die Verantwortung für die Folgen aller – wirklich aller – möglichen Veränderungen seines Projekts trägt.

Das Fernsehen selbst ist gewiss auch deshalb in eine Krise geraten, weil all die hektisch aufgestellten Standards und Regularien und all die Einflussnahmen und Befürchtungen – wie in der Politik – drohen das System zu ersticken. Der Artikel von Katja Nicodemus in dieser Zeitung spiegelte ein resigniertes Bild des ZDF-Fernsehspielchefs Hans Janke, von dem ich sagen kann, dass er mir viele meiner freudvollsten Dreharbeiten ermöglicht hat. Das Drama des grandiosen Stoffes von Anonyma – wahrhaftig nicht viele unserer Historienfilme in dieser Größenordnung basieren auf einem so provozierend ambivalenten Thema – müsste in den Medien tatsächlich auf anderem Niveau analysiert werden als mit Häme. Denn jene Art von Fernsehen, das sich wirklich Mühe gibt, interessant zu sein, und alle seine überzeugten Vertreter in den deutschen Sendehäusern bis hin zu arte in Straßburg – sie brauchen heute jeden Helfer, den sie kriegen können, um sich immer wieder aus der Umklammerung des Funktionärswesens, der Marktforschungsstrategen, der Quotenschreihälse zu befreien. Dieses gute Fernsehen, das es noch oft zu sehen gibt, wenn man die Augen aufmacht, braucht starke, unabhängige Kritiker und erstklassige, völlig freidenkerische Preisjurys. Wenn dieselbe große deutsche Tageszeitung, die den ZDF-Event-Zweiteiler Dresden einstmals als Meisterwerk lobte, nun ein paar Jahre später die ambitionierte Anonyma bis zur Unkenntlichkeit zerreißt – was soll man zu solcher Unterschiedlichkeit der Kriterien an ein und demselben Ort sagen? Was soll man da hinter den Kulissen vermuten? Wessen Augen waren da unscharf?

Und irgendwann wird dann auch noch über die ureigenen Schönheiten des Fernsehens zu reden sein: sein Erzähltempo, seine befreiende Trivialität, seine ästhetischen Unbefangenheiten – die dem Kino guttun würden. Wird das erst dann geschehen, wenn auch das Fernsehen – so wie wir es jetzt kennen – tot ist?