Am Ende wird dieser Bau so viel kosten wie 16 Berliner Stadtschlösser, sagen manche Gutachter. Die Bahn sagt, das stimme nicht. Sechs Stadtschlösser, damit komme man locker aus, dafür könne man in Stuttgart den Sack- in einen Durchgangsbahnhof umbauen. Doch ganz gleich, wie viel der Steuerzahler für das Gewaltprojekt am Ende zahlt, ob drei Milliarden Euro oder acht – am teuersten wird der Verlust des historischen Erbes. Eines der wichtigsten Baudenkmale des frühen 20. Jahrhunderts soll dran glauben, der Stuttgarter Hauptbahnhof.

Seit über einem Jahrzehnt schon schwelt der Streit. Längst ist ein Großteil der Bevölkerung gegen Stuttgart 21 und will verhindern, dass die halbe Innenstadt aufgerissen und auf 30 Bahnkilometern untertunnelt wird. Und selbst internationale Architekturgrößen wie Richard Meier, Robert Ventui oder David Chipperfield melden sich zu Wort und kritisieren die geplante Verstümmelung mit scharfen Worten.

Doch Hartmut Mehdorn, der Bahnchef, lässt sich in seinem Größenwahn nicht irritieren – schon deshalb nicht, weil der Bundesbauminister Tiefensee und der Ministerpräsident Oettinger demselben Wahn verfallen sind. Im Januar noch wollen sie die endgültigen Finanzierungsverträge unterschreiben – und die Denkmalpfleger können nur ohnmächtig zusehen. Wieder einmal verstößt der Staat gegen die eigenen Gesetze. Von den Bürgern verlangt er, sich gewissenhaft um ihre Baudenkmale zu kümmern. Er selbst aber setzt sich im Zweifel schulterzuckend über den Denkmalschutz hinweg.

Als hätten sie das Ungemach bereits geahnt, errichteten die Architekten Paul Bonatz und Friedrich Eugen Scholer ihren Bahnhof zwischen 1911 und 1928 als eine Art Burgtor zur Moderne, trutzig und erhaben, so als sollte dieser Bau der fortwährenden Beschleunigung etwas entgegensetzen, etwas Bleibendes und Würdevolles. Doch mit der Würde ist es aus, die Seitenflügel des Bahnhofs sollen abgerissen werden, und auch die grandiose Halle bleibt nicht unangetastet.

Und wofür das alles? Die Bahn sagt, Stuttgart müsse an das Schnellzugnetz angeschlossen werden. Und dann natürlich der enorme Zeitgewinn! Allerdings halten die wichtigen Fernzüge schon heute in Stuttgart. Und der enorme Zeitgewinn ist winzig: Mehr als einige Minuten Reisezeit lassen sich durch Stuttgart 21 nicht einsparen. Ohnehin sollen viele Züge künftig zusätzlich am Flughafen halten – jede Zeitersparnis wäre dahin.

Dass es auch anders ginge, haben die Gegner des Umbaus eindrucksvoll nachgewiesen. Der Kopfbahnhof ließe sich modernisieren, ohne das Baudenkmal zu amputieren, was zudem weit billiger wäre. Doch die Bahn will von dem Irrsinn nicht lassen – und so bleibt nur die Hoffnung, ein anderer Irrsinn möge sie bremsen. Schließlich ist die Bahn auf private Investoren angewiesen, um auf dem leer geräumten Gleisgelände große Shoppingcenter und noch größere Büro- und Wohntürme zu bauen. Doch im Augenblick hat es sich ausinvestiert, der Finanzkrise sei Dank. Und so war die Gelegenheit für einen Nothalt nie günstiger als jetzt. Stoppt Stuttgart 21! Freie Fahrt für die Vernunft!

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