Lothar Tirala ist verärgert. Er weiß, dass sein Frosch nie beliebt war, ja sogar angepöbelt wurde. Doch dass er ihn nun gesund pflegen musste, damit hatte der Tiroler nicht gerechnet. »Er hatte Verletzungen an seinen Fingern und Zehen«, sagt Tirala und schüttelt den Kopf. Dem Museum für moderne Kunst in Bozen hatte der Zahnarzt seinen Liebling anvertraut. Er wollte den Südtirolern etwas Gutes antun, ihnen zur Neueröffnung ihres Museion eine Welt fernab von Andreas Hofer, Ötzi und Reinhold-Messner-Kitsch bieten: einen knallgrünen Holzfrosch an ein Kreuz geschlagen, moderne Kunst eben.

Diese gequälte Kreatur ist einer von fünf Fröschen aus der Serie Zuerst die Füße des verstorbenen deutschen Künstlers Martin Kippenberger. Monatelang hing das Werk im Bozner Museion, bis es Ende September wieder nach Innsbruck zu seinem Herbergsvater Lothar Tirala abgeschoben wurde. Mit dem Tier wollte man südlich des Brenners nichts mehr zu tun haben. Zu viel Unheil hatte der Frosch über die autonome italienische Provinz gebracht. Der Museumsdirektorin wurde gekündigt, ein Politiker hungerte sich krankenhausreif, und sogar der Papst soll seinen Unmut über das blasphemische Getier geäußert haben.

Die gekreuzigte Amphibie mit heraushängender Zunge, einem Bierkrug in der rechten und einem Ei in der linken Hand war allerdings nie als gotteslästerliche Provokation gedacht. Vielmehr sollte sie den Künstler selbst symbolisieren, Kippenbergers Alter Ego, der sich »sein Leben lang als Opfer gesehen hat«, wie Tirala die armselige Kreatur interpretiert. Mitte der Neunzigerjahre erwarb er eines der letzten Exemplare aus der bunten Frosch-Serie. »Für mich war das wichtige Kunst, die der Martin produziert hat«, erklärt der 63-jährige Innsbrucker.

Ende der Achtzigerjahre begegneten der Zahnarzt und der Künstler einander das erste Mal. Kippenberger verbrachte immer wieder einige Monate in Tirol. Tirala weiß noch, wie zu seinen Ehren regelrechte Festspiele veranstaltet wurden, Ausstellungen und Abende, an denen der Künstler Witze in großer Runde erzählte und es nicht duldete, dabei unterbrochen zu werden. Freunde seien sie aber nicht wirklich geworden. »Dazu hätte ich mehr trinken müssen«, sagt Tirala und erinnert sich an lange Nächte, die mit »gesunden« Bloody Marys im Morgengrauen endeten. »Er hat darunter gelitten, dass ihn die Leute als Trunkenbold sahen und nicht als den großen Künstler, als den er sich betrachtete.« Kippenberger starb mit 44 Jahren an Leberversagen.

Mit seinem Erlöser-Frosch errang er nun jene Berühmtheit, die ihm Zeit seines Lebens verwehrt geblieben war, wie seine Schwester Susanne Kippenberger im Berliner Tagesspiegel meinte: »Mein Bruder Martin sitzt im Himmel, so hoffe ich, und freut sich kaputt. Das war es ja, was er wollte: schockieren, um der Wahrheit willen, mit Witz und Selbstironie. Kunst, fand er, ›soll wehtun‹.«

Das dachte auch Corinna Diserens, die Direktorin des Museion. Die gebürtige Schweizerin wollte beweisen, dass selbst Südtirol ein gekreuzigter Frosch zumutbar sei, einem Land, in dem die konservative SVP seit einem halben Jahrhundert mit absoluter Mehrheit regiert und das der Papst zu seinem Urlaubsdomizil auserkoren hat. Das war ein Irrtum. »Nur jemand der holla ist«, empörte sich am Tag nach der Ausstellungseröffnung im Mai 2008 der Landeshauptmann Luis Durnwalder, könne es wagen, so ein Machwerk über die Häupter der Museumsbesucher zu hängen. In der Regionalzeitung Dolomiten zürnten zahlreiche Leserbriefschreiber, sogar in Mundartreimen: »Der Frosch muaß ganz / schleinigst weck / fa unserem schianen / Tirolerfleck!« Oder »Dö Kunst isch nix für unser Land, sie soll dorthin, von wo sie stammt«.

Selbst dem Tadel des Papstes musste der gekreuzigte Frosch nicht weichen