Es begann im Chaos. Unübersichtlich wurde die Sache erst danach. Aus der blubbernden Basisbrühe, für die der alte Grieche das Wort Chaos (formlose Materie oder endloser Raum) benutzte und die der moderne Naturwissenschaftler als Ursuppe interpretiert, entstand im ersten Akt der Schöpfungsgeschichte Gaia – die Erde. Das Chaos pflanzte sich asexuell fort. Es entwickelte sich Tartaros, die Unterwelt. Und Eros, die Liebeskraft. Dann gediehen Erebos, die Finsternis, und Nyx, die Nacht. Genauso wie Chaos trieb es Gaia. Sie produzierte aus sich selbst heraus den Sternenhimmel: Uranos.

Noch handelte es sich bei dieser Besetzung um sogenannte Urkräfte. Richtige Götter entstanden erst, als sich Gaia mit Sohn Uranos vereinte und Titanen zeugte, in einer inzestuösen Vorform der sexuellen Beziehung. Man kann also sagen: Fast ganz im Anfang schufen Erde (Gaia) und Himmel (Uranos) die Götter. Spätere Religionsgemeinschaften pflegten diesen Sachverhalt umzudrehen.

Der Allmächtige war noch nicht an der Reihe: Und doch ist der Stammbaum der griechischen Götterwelt schon an dieser Stelle, lange bevor Zeus geboren oder geschaffen wurde, vollgestopft mit Namen. Dieter Macek hat sie mit dicken Filzstiften auf einen riesigen Bogen Papier geschrieben. In vielen Abzweigungen schließen sich lange Listen von Namen an: von Chaos zu Nyx zu Hypnos. Letzterer zeugte Morpheus, Phantasos, Ikelos, Epiphron (und – glaubt man dem Dichter Ovid – 996 weitere Söhne).

Das Geäst verzweigt sich zu filigranen Büscheln. Die Schrift wird von Generation zu Generation kleiner, damit das Sammelsurium der vielen Tausend Namen auf den Papierbahnen Platz finden konnte. »Alle Götter, alle Helden«, sagt Macek und schreitet an den vollgeschriebenen Bögen entlang, die er auf dem Boden im Kuppelsaal der Vorarlberger Landesbibliothek in Bregenz ausgebreitet hat. 5639 Namen, 52 Laufmeter Stammbaum, 33 Jahre Arbeit.

Dieter Macek hat die erste Gesamtgenealogie der Götter und Helden aus der griechischen Mythologie geschaffen. Er sagt: »Es ist das Herz unserer geistigen Welt.« Die ungeheure Kollektion lässt erahnen, welche Fülle an Geschichten die altgriechische Geisteswelt zu bieten hat. Denn bevor Zeus endlich seinen Thron beziehen konnte, stockte die Schöpfungsgeschichte mehrmals. Erst tyrannisierte Uranos Gattin und Kinder, indem er alle Sprösslinge (einäugige Kyklopen, hundertarmige Riesen, den Blitz Steropes, den Donner Brontes) wieder tief im Schoß von Mutter Erde verschwinden ließ. Diese, Gaia, war mit dem untragbaren Zustand nicht einverstanden. Sie rüstete den Sohn Kronos in ihrem Innern mit einer Sichel aus – worauf dieser dem bösen Vater Uranos beim nächsten Beischlaf mit der Mutter das Geschlecht abschnitt. Allein diese Entmannung (von Sigmund Freud später als Angstmotiv dankbar aufgenommen) bescherte den Chronisten erneut eine Vielzahl von Namen. Aus den verspritzten Blutstropfen entstanden zum Beispiel die Göttin des Gerüchts (Pheme, römisch Fama) und die Protagonistinnen des Wahnsinns, Lyssa und Mania. Der Penis fiel ins Meer, begann zu schäumen. Der Schaum wurde Göttin: Aphrodite.

Die Gefangenen in Gaias Unterleib verließen ihr Gefängnis, und so kam die zweite Dynastie an die Macht, die Titanen. Deren Namen konnte Macek noch in relativ großen Buchstaben auf seine Blätter malen. Denn es vergingen Jahre und Schlachten, bis endlich Zeus und Konsorten mit dem nächsten Umsturz die Titanen abgesetzt hatten und die Basis für die reichhaltige Götterwelt legten, die wir aus der Schullektüre kennen (mit dem zwölfköpfigen Aufsichtsrat im Olymp).

Klicken Sie auf das Bild, um einen Ausschnitt aus dem Stammbaum der Götter näher zu verfolgen Von da an ist die Datenfülle schwindelerregend. Auch Macek musste ab und zu passen. Bei 2047 Namen bleiben die Verwandtschaftsverhältnisse unklar, vor allem bei vielen Kriegern der Schlachten um Troja. Macek hat den Hesiod geplündert, der vor über 2700 Jahren in seinem Werk Theogonie eine Inventur der Götterclans anfertigte, er hat Homers Ilias und Odyssee durchforstet, Ovid gelesen, Nachschlagewerke gewälzt und im Internet gesurft. Und in dieser Woche wird Macek in Bregenz sein »Werk der Aufklärung« erstmals der Öffentlichkeit präsentieren. Nie zuvor ist das Heroen- und Göttergeflecht derart umfangreich dargestellt worden. Aus einem einfachen Grund: weil niemand sich daranwagte.