Man könnte ins Grübeln kommen. Kein Fernsehabend ohne Krimi, ohne CSI, Tatort oder Bulle von Tölz. Krimi – diesem unvermeidlichen Schicksal ergibt sich jetzt auch der Suhrkamp-Verlag. Mancher reibt sich die Augen: Von Mai 2009 an wird die Suhrkamp-Kultur um ein Krimisegment erweitert. "Warum sind nicht wenigstens die eine krimifreie Zone geblieben?", spöttelt Lutz Schulenburg, mit der kleinen Edition Nautilus seit drei Jahrzehnten im Krimigeschäft und nach dem Erfolg mit Andrea Maria Schenkels Tannöd bestsellererfahren dazu. "Ich wusste gar nicht, dass es Suhrkamp so schlecht geht. Trotzdem: Glückauf!"

Am Anfang war der Mord. So haben die Suhrkamp-Programmmacher den Leseband überschrieben, mit dem sie die erstaunte Literaturwelt auf das neue Suhrkamp-Unternehmen einstimmen wollen. Voll im Trend: Heutzutage klingt "Am Anfang war der Mord" eher nach Elizabeth George als nach dem Evangelisten Johannes, der seine Botschaft mit dem berühmten Satz begann: "Im Anfang war das Wort". Wo beginnt der Ernst, und wo hört der Spaß auf? Das sollte man wissen, wenn man ein Krimiprogramm startet. Wie ungewohnt den Suhrkamp-Leuten das Terrain (noch) ist, verrät so ein locker flockig dahingereimtes Wortspiel genauer als manches offizielle Statement.

Dass sie es blutig ernst meinen, signalisiert nicht nur das Lesebändchen mit Textproben und Autorenbiografien, das jetzt unübliche vier Monate vor Programmstart vorliegt. "Es ist durchaus ein Wagnis", kommentiert Winfried Hörning, der als Leiter des Suhrkamp-Taschenbuchprogramms maßgeblich die neue Krimischiene vorangetrieben hat. Klar, er stellt sie vor, als sei sie die normalste Sache der Welt. Genreliteratur habe Suhrkamp immer schon gemacht, nicht nur hin und wieder einen Krimi, sondern auch die "Phantastische Bibliothek" mit immerhin 360 Bänden. Schon vor acht oder zehn Jahren habe man über eine eigene Krimireihe nachgedacht. Aber jetzt erst hätten sich die Lektorinnen und Lektoren gefunden, die "mit Verve" Krimis machen wollten. Die Cover der sechs ersten Titel jedenfalls sehen vor allem nach Krimi und nicht nach Suhrkamp aus. Tatsächlich: Aus einem halben Meter Abstand wird der eilige Kunde einen Suhrkamp-Band nicht von einem Goldmann-, Heyne- oder Knaur-Krimitaschenbuch unterscheiden können. Blut trieft in der Badewanne, gespenstisch schwarze Raben und blaue kalte Fische signalisieren Suspense, Gestalten in schwarzen Mänteln stiefeln durch Kreuzgänge. Nur ein kleines Label verrät den Verlagsnamen. "Die Leser, die wir erreichen wollen, orientieren sich nicht am Verlag", meint Hörning. "Denen ist es gleich, ob Suhrkamp Krimis macht. Sie orientieren sich eher an Autoren und an den optischen Signalen, die unsere Umschläge aussenden." Solchermaßen raffiniert getarnt, schiebt Suhrkamp seine Ware in die Bücherstapel der Bahnhofsbuchhandlungen. Hörning selbst nennt den Trick "in Anführungszeichen: Camouflage".

Das, was da dem Gewohnheitskrimileser untergeschoben wird, hat es in sich. Tatsächlich ist keiner der sechs Autoren der ersten Staffel dem deutschen Publikum bekannt. Alle sind erstmals aus dem Dänischen und Spanischen, Englischen und Italienischen übersetzt, und die Schauplätze liegen in Kopenhagen, Polen, Australien und Kalifornien. Da kommt einem ein Titel wie Kalter Main (der Katalanin Rosa Ribas), der unter Frankfurter Immigranten spielt, fast schon wie ein heimeliger Regionalkrimi vor. Erst in der zweiten Staffel sollen deutsche Autoren dabei sein. Das klingt wild entschlossen: "Wir wollen richtiges Genre, keine akademischen Krimis und auch keine Autoren, die sich mal im Krimi versuchen. Nein, wir wollen richtige Krimiautoren und richtige Krimileser." Es scheint, als schiele Suhrkamp mit dieser Programmatik mindestens in zwei Richtungen zugleich: zum Massenpublikum und zur großen Auflage einerseits, zur KrimiWelt-Bestenliste andererseits.

Ein Wagnis? Marcel Hartges, lange Zeit Taschenbuchchef bei Rowohlt, noch Chef bei DuMont und demnächst bei Piper, ist einer, der es wissen muss: "Hohe Auflagen sprechen nicht gegen Qualität." Andererseits weiß er auch: "Die Qualität sagt über den Erfolg oft wenig aus. Darin unterscheidet sich die Kriminalliteratur nicht von der anspruchsvolleren Belletristik." Die Verlegerkollegin Antje Kunstmann, die selbst vier Krimiautoren in ihrem relativ kleinen Hardcoverprogramm pflegt, ist skeptischer: "Alle springen auf diesen Zug auf, weil das Genre so erfolgreich ist. Ich wünsche Suhrkamp, dass sie da nicht zu spät kommen."

Ob früh, ob spät – Suhrkamps Aktion Mimikry ist ein ernsthafter Einstieg ins systematische Krimigeschäft und schlägt eine weitere, enorme Bresche in die Chinesische Mauer zwischen E ("ernster") und U ("unterhaltender") Literatur. Die übrigens, so sieht es Wolfgang Balk, Leiter des Deutschen Taschenbuchverlags, am heftigsten noch im Feuilleton verteidigt wird. Obwohl kein Krimifan und auch in seiner eigenen Programmpolitik ein vehementer Gegner detaillierter Darstellung von Grausamkeit, wundert er sich: "Warum nimmt das Feuilleton nicht das Interesse der Leser stärker auf? Umfragen sagen, dass 60 Prozent aller Belletristikleser Krimis lesen. Daran gemessen, wird zu wenig rezensiert." Für Marcel Hartges hat das Umdenken in den Verlagen längst stattgefunden: "Krimis waren immer populär. Sie sind jetzt nur aus der Schmuddelecke herausgeholt worden."