Eines der Stücke, die Konrad Heidkamp gerne noch geschrieben hätte, war die Geschichte von der Platte, die sein Leben veränderte. Seine ältere Schwester hatte sie ihm einst geschenkt, gemeinsam mit einem aufziehbaren Plattenspieler. Sie war aus Schellack, und es spielten darauf Gerry Mulligan (Saxofon), Chet Baker (Trompete), Bob Whitlock (Bass) und Chico Hamilton (Drums). Nights At The Turntable hieß der Titel der A-Seite.

Es war das musikalische Urerlebnis des Jungen aus München, für den als Sohn des Fußball-Nationalspielers und Kapitäns der ersten Meistermannschaft des FC Bayern München Conny Heidkamp auch eine Kickerkarriere nichts Ungewöhnliches gewesen wäre. Aus der Platte war, schon als er sie geschenkt bekam, am Rand ein ordentliches Stück herausgebrochen, sodass er den Anfang nie hören konnte. Das Loch in Konrad Heidkamps erster Schallplatte stand für das Unbekannte, das darauf wartete, entdeckt zu werden, für die offenen Fragen, die ohne Antwort bleiben, die ewige Neugier auf das, was sich in der Musik jenseits der Bruchkanten tut – und dafür, dass sich im Jazz ein Kreis nie schließt.

Fast ein halbes Jahrhundert lang hat Konrad Heidkamp seine Leidenschaft für den Jazz und für die Popmusik gelebt, zunächst als Hobby, später dann, als er seinen ursprünglichen Beruf als Gymnasiallehrer aufgegeben hatte, als Musikjournalist. Zunächst schrieb er für die taz, seit 1988 für die ZEIT, auch als Literaturkritiker und Kinderbuchautor. In seinem Buch It’s all over now hat er Auskunft darüber gegeben, wie er "auf der Suche nach einem Klang, der das Leben neu bestimmte", an den stürmischen Epochen der Jazz- und Popgeschichte teilhatte, wie ihn die in Konzerten und auf Platte entdeckten Helden nicht mehr losließen, wie er sie verehrte und gerade deshalb kritisch mit ihnen in den Clinch ging.

Patti Smith war eine seiner Ikonen

Als er den 1967 gestorbenen John Coltrane im Konzert gehört hatte, war er sich zum ersten Mal sicher, den gesuchten Klang gefunden zu haben. Es blieb nicht der einzige. An Bob Dylan hat er sich, wie viele, ein Leben lang abgearbeitet. "Sehr schmal, sehr androgyn, im weißen Männerhemd" tauchte Mitte der siebziger Jahre Patti Smith wie eine "Jeanne d’Arc im dunkelsten Mittelalter der Rockmusik" in seinem Leben auf und blieb ihm Ikone bis in die Gegenwart. Man kann andere nennen: Chet Baker, Carla Bley, Miles Davis, David Bowie, Bruce Springsteen, Neil Young – Namedropping hat sich Konrad beim Schreiben immer verkniffen, weil er zu genau wusste, wie groß die Erzählungen sind, die sich hinter einem Bandnamen oder einem Plattentitel verbergen.

Auf bewundernswerte Weise ist er trotzdem kein Gefangener seiner Erfahrungen geworden, kein Gestriger, der sein langes Jazz- und Pophörerleben als abgeschlossenes Sammelgebiet betrachtet. Immer wieder kreuzte er, animiert und bestens gelaunt, mit neuen Hörentdeckungen auf dem Redaktionsflur auf, die vertrackt-verrückten Musikautomaten-Kompositionen des mexikanischen Außenseiters Conlon Nancarrow in den Händen oder die veröffentlichten Tonspuren von Jean-Luc Godards Histoire(s) du Cinéma oder Booklets von norwegischen Improvisationskünstlern mit unaussprechlichen Namen oder einen CD-Stapel mit sehr jungen, sehr gut aussehenden Jazzsängerinnen von Norah Jones bis Joss Stone, die er als "Ladywunder" vorstellte, bevor die Namen jeder kannte. Für schöne singende Frauen, Jazzerinnen zumal, hatte er aus Prinzip eine Schwäche, auch wenn ihm die jungen, als Ladywunder gerühmten im Grunde alle eine Spur zu glatt waren.

Herzensnähe war die Bedingung seiner ästhetischen Neugier