Der Doppelmord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am Abend des 15. Januar 1919 in Berlin zählt zu den folgenreichsten Ereignissen der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert. Die Verantwortlichen für das Verbrechen wurden nie zur Rechenschaft gezogen. Noch im April 1962 konnte der eigentliche Drahtzieher, Hauptmann Waldemar Pabst, sich in einem Spiegel-Interview damit brüsten, dass er die beiden Kommunistenführer habe "richten lassen".

In der frühen Bundesrepublik, in der der Antikommunismus Staatsdoktrin war und ehemalige Nazirichter Recht sprachen, musste Pabst nicht befürchten, jemals juristisch belangt zu werden. Hätte er ausgepackt, wäre überdies unweigerlich die Rolle der SPD-Führung, insbesondere ihres Volksbeauftragten für Heer und Marine, Gustav Noske, bei dem Verbrechen zur Sprache gekommen. Daran konnte die SPD in den sechziger Jahren, also zu einem Zeitpunkt, als sie sich anschickte, die langjährige Regierung der CDU abzulösen, kein Interesse haben.

Noch im Juni 1969, nur wenige Monate vor seinem Tod, äußerte Pabst in einem Brief: "Als Kavalier habe ich das Verhalten der damaligen SPD damit quittiert, daß ich 50 Jahre lang das Maul gehalten habe über unsere Zusammenarbeit. Die Saukerle von Spiegel, Stern hätten gerne herausbekommen, wer alles hinter unserer Aktion gestanden hat. Wenn es nicht möglich ist, an der Wahrheit vorbeizukommen, und mir der Papierkragen platzt, werde ich die Wahrheit sagen, was ich auch im Interesse der SPD gern vermeiden möchte."

Was in der Nacht vom 15. auf den 16. Januar 1919 geschah

Die Wahrheit über den Doppelmord – keiner hat sich um ihre Erforschung so verdient gemacht wie der Drehbuchautor und Regisseur Klaus Gietinger. Im September 1992 veröffentlichte er in der Internationalen wissenschaftlichen Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung einen Aufsatz, in dem nicht nur die Umstände der Tat akribisch rekonstruiert, sondern auch die anschließenden Versuche, sie zu verschleiern und zu vertuschen, beleuchtet wurden. Der Aufsatz erschien 1993 als Buch unter dem Titel Eine Leiche im Landwehrkanal im kleinen Mainzer Decaton Verlag, zwei Jahre später um einiges erweitert in Uwe Soukups Verlag 1900 Berlin. Eine überarbeitete Ausgabe ist jetzt, rechtzeitig zum 90. Jahrestag der Ermordung Liebknechts und Luxemburgs, von der Edition Nautilus herausgebracht worden.

Parallel dazu erscheint im selben Verlag und vom selben Autor die erste Biografie über Waldemar Pabst. Erstaunlicherweise hat sich die etablierte Geschichtswissenschaft für diese Schlüsselfigur kaum interessiert – sieht man einmal von einigen wichtigen Hinweisen in Wolfram Wettes Pionierstudie über Gustav Noske von 1987 ab. Es war eine Außenseiterin, die Bremer Historikerin Doris Kachulle, die seit Ende der achtziger Jahre begann, systematisch Material über Pabst zusammenzutragen. Doch eine schwere Erkrankung, an der sie 2005 starb, verhinderte die Niederschrift des Manuskripts. (Eine Sammlung ihrer Vorstudien Waldemar Pabst und die Gegenrevolution gab Karl Heinz Roth 2007 in der Berliner Edition Organon heraus.)

Klaus Gietinger übernahm es, ihr Werk fortzusetzen und zu einem Abschluss zu bringen. Er hat nicht nur den umfangreichen Nachlass von Pabst, darunter Fragmente seiner Memoiren im Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg, ausgewertet, sondern ist in zahlreichen weiteren Archiven in Deutschland, Österreich und der Schweiz den Spuren dieses Mannes nachgegangen. Auf diese Weise gelingt es ihm, nicht nur die bislang völlig unbekannten Phasen dieser Biografie auszuleuchten, sondern auch die Netzwerke zu erschließen, die der umtriebige Generalstabsoffizier und Waffenlobbyist im Laufe seines langen Lebens zu knüpfen verstand.

Am Heiligabend 1880 geboren, hatte der Sohn aus gutbürgerlichem Hause nach einer Kadettenausbildung eine steile militärische Karriere absolviert: 1900 machte er sein Offiziersexamen, von 1907 bis 1909 besuchte er die Berliner Kriegsakademie, wurde zum Oberleutnant und kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum Hauptmann befördert. Am Ende des Krieges wurde er 1. Generalstabsoffizier der Garde-Kavallerie-Schützen-Division – einer Eliteeinheit, deren zentrale Rolle als Kerntruppe der Reaktion Gietinger scharf herausarbeitet. An der Spitze dieser Division marschierte Pabst am 10. Dezember 1918, nur einen Monat nach Beginn der Revolution, in Berlin ein, um gemeinsam mit den sozialdemokratischen Volksbeauftragten Ebert, Scheidemann und Noske die als "jüdisch-bolschewistisch" verteufelte radikale Linke zu bekämpfen und "Ruhe und Ordnung" wiederherzustellen. Im vornehmen Eden-Hotel, in dem sich Hauptmann Pabst mit seinem Stab im Januar 1919 einquartierte, wurde das Mordkomplott gegen Liebknecht und Luxemburg geschmiedet.

Was das Verhalten Noskes in der Nacht vom 15. auf den 16. Januar 1919 betrifft, so kann nach Gietingers Recherchen nunmehr ausgeschlossen werden, dass er einen direkten Mordbefehl gegeben hat. Aber er ließ offenbar durchblicken, dass er gegen eine "Exekution" Liebknechts und Luxemburgs nichts einzuwenden hatte. "Über das ›dass‹ bestand also Einigkeit", so Pabst in seinen Memoiren. "Als ich nun sagte, Herr Noske, geben Sie bitte Befehle über das ›wie‹, meinte Noske: ›Das ist nicht meine Sache! Dann würde die Partei zerbrechen, denn für solche Maßnahmen ist sie nicht und unter keinen Umständen zu haben.‹"

In einem Telefongespräch, das Pabst nach Einlieferung von Luxemburg und Liebknecht ins Eden-Hotel mit Noske geführt haben will, soll dieser ihn aufgefordert haben, die Genehmigung des Generals von Lüttwitz zur Erschießung der beiden Gefangenen einzuholen, und als Pabst eingewandt habe, die werde er nie bekommen, habe Noske geantwortet, dann müsse er "selbst verantworten, was zu tun" sei. Pabst, so folgert Gietinger, habe dies zu Recht als Freibrief zur Ermordung der beiden Kommunistenführer verstanden. Liebknecht wurde in den Tiergarten gefahren und dort erschossen; Rosa Luxemburg wurde beim Abtransport aus dem Hotel niedergeschlagen, zu einem Auto geschleift und durch einen Schuss in den Kopf getötet. Ihre Leiche warfen die Mörder in den Landwehrkanal.

Für Gietingers Deutung spricht auch die Tatsache, dass Noske alles unternahm, um die Mörder zu decken und die Spuren der Tat zu verwischen. Das anschließende Verfahren vor dem Divisionsgericht nennt Gietinger einen "der schamlosesten Lügenprozesse der deutschen Rechtsgeschichte". Die Täter hielten, geschützt durch die sozialdemokratische Regierung, gewissermaßen über sich selbst Gericht, und so war es kein Wunder, dass die Drahtzieher und Hintermänner völlig ungeschoren davonkamen.

Noskes Schießbefehl nimmt Hitlers Kommissarbefehl vorweg

Doch damit nicht genug. Anfang März 1919, als in Berlin ein Generalstreik ausgerufen wurde, ließ Noske von Hauptmann Pabst einen Befehl entwerfen: "Jede Person, die mit Waffen in der Hand angetroffen wird, ist sofort zu erschießen." Dieser Befehl kam faktisch einer Lizenz zum Töten gleich, und Noskes blutrünstige Soldateska nutzte ihn, um in der Reichshauptstadt regelrechte Massaker zu veranstalten, denen 1200 Menschen zum Opfer fielen. Das Gleiche wiederholte sich bei der Niederschlagung der Münchner Räterepublik Anfang Mai 1919. "Das Töten ohne Recht bzw. ohne Standrecht gehörte bereits zur Normalität", schreibt Gietinger, und er sieht in Noskes Schießbefehl vom 9. März 1919 eine Vorstufe zu Hitlers Kommissarbefehl vom Juni 1941 und im Morden der Freikorpsbanden von 1919 einen "ersten Vorgeschmack" der Verbrechen von Wehrmacht und SS im Zweiten Weltkrieg.

Gietinger weist nach, dass das strategische Bündnis zwischen Mehrheitssozialdemokratie und der Militärkaste zerbrach, als Ebert und Noske sich weigerten, einen Staatsstreich gegen die Demobilisierungs- und Abrüstungsbestimmungen des Versailler Vertrages mitzutragen. Im Kapp-Lüttwitz-Putsch vom März 1920 präsentierten die Militärs ihre Rechnung. Und wieder war es Pabst, der hier eine wichtige vorbereitende Rolle spielte. Dass die Regierung, die durch einen Generalstreik der Arbeiter gerettet wurde, dann ausgerechnet jene Freikorps, die sie gerade hatten stürzen wollen, gegen die revoltierende Linke im Ruhrgebiet aufbot, muss man mit Gietinger als einen weiteren traurigen Tiefpunkt in der Geschichte der SPD verbuchen.

Pabsts Karriere aber war mit dem Scheitern des Putsches keineswegs beendet. Im zweiten Teil der Biografie wird geschildert, wie er nach seiner Flucht aus Deutschland in Österreich ein neues ideales Betätigungsfeld fand als Organisator der präfaschistischen "Heimwehr", die sich Mussolinis Schwarzhemden zum Vorbild nahm. Als Ziel schwebte ihm ein Staatenbund des europäischen Faschismus vor, wobei Österreich die Brücke zwischen Italien und Ungarn bilden sollte.

Nach 1945 entzieht sich Pabst einer Auslieferung an die Alliierten

Im Frühjahr 1931 kehrte Pabst nach Deutschland zurück. Ein Angebot Hitlers, als "Reichsbeauftragter des Parteiführers" in die Leitung der NSDAP einzutreten, lehnte er ab, weil seine Vorstellung einer faschistischen Internationale mit den großdeutschen Plänen des kommenden Diktators nicht übereinstimmte. Stattdessen trat er den Posten eines Direktors bei der Rüstungsfirma Rheinmetall an und avancierte hier zum Verkaufschef, der die ausländischen Waffengeschäfte abwickelte. Zugleich betätigte er sich als Geschäftsführer der "Gesellschaft zum Studium des Faschismus", welche die Übertragung des italienischen Modells auf die deutschen Verhältnisse propagierte.

Anfang Juli 1934 wurde er im Zusammenhang mit dem sogenannten Röhm-Putsch kurzfristig verhaftet, bald darauf aber vollständig rehabilitiert. Mit der Berufung zum Wehrwirtschaftsführer 1938 gelang ihm ein weiterer Karrieresprung. 1940 ließ er sich von Rheinmetall-Borsig großzügig abfinden und übernahm die Auslandshandel GmbH, eine Tarnfirma, die für die Rüstungswirtschaft des "Dritten Reiches" aus den neutralen Staaten, vor allem der Schweiz, dringend benötigte Rohstoffe und Maschinen beschaffte.

Im August 1943, die Niederlage Hitler-Deutschlands vor Augen, setzte er sich in die Schweiz ab und gerierte sich hier als ein Gegner des NS-Regimes. Eingehend beschreibt Gietinger die Winkelzüge, mit denen Pabst sich nach 1945 einer Auslieferung an die Alliierten zu entziehen wusste. Seit Ende der vierziger Jahre konnte er ungefährdet wieder nach Deutschland reisen, und 1955 ließ er sich in Düsseldorf nieder, um sich bis zu seinem Tod im Mai 1970 wieder im internationalen Waffenhandel zu engagieren.

So interessant diese abschließenden Partien auch sind – das eigentliche Zentrum der Untersuchung besteht in dem Nachweis der umfassenden Kooperation der SPD-Führung mit der Gegenrevolution bis hin zur Komplizenschaft Noskes mit den Luxemburg-Liebknecht-Mördern. Es ist schade, dass Gietinger sich hier nicht darauf beschränkt hat, die Fakten sprechen zu lassen, sondern ihnen ein Erklärungsmuster aufsetzt, das einer ideologisch verzerrten Wahrnehmung entspringt. Danach wird der Mehrheitsflügel der SPD pauschal als "völkisch" tituliert und in die Nähe des Faschismus gerückt, dessen Geburtsstunde bereits mit der "Ermordung der Revolution" im Jahre 1919 angesetzt wird. Karl Heinz Roth spricht in seinem Vorwort von einer "rechtsextremistischen Phase" der SPD und fordert gar die Umbenennung der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Der harte Kern des Buches wird durch solche polemischen Übertreibungen nicht entwertet, doch könnten sie gerade der SPD nahestehenden Historikern als Vorwand dienen, um Gietingers Ergebnisse als unseriös abzuweisen. Das aber wäre fatal. Denn 90 Jahre nach dem Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ist es an der Zeit, dass sich die deutsche Sozialdemokratie mit dem dunkelsten Kapitel ihrer Geschichte auseinandersetzt – ohne Wenn und Aber.