Die Welt ist ein Saustall. Nackte Wesen wälzen sich im Schlamm, fallen übereinander her, saugen einander die Zitzen leer. Wir sind im Stuttgarter Schauspielhaus, der Regisseur Volker Lösch inszeniert Shakespeares Hamlet . Aber halt, ganz nackt sind seine Spieler doch nicht, sie tragen transparente Gewänder, die ihre Blöße noch steigern und in denen sie aussehen, als seien sie einem Gemälde von Lucian Freud entsprungen: Runzlig umpelltes, fahl behäutetes Menschenfleisch. Wenn man sie sticht, so bluten sie nicht, sie quieken nur.

Auf dieser Bühne hat jede Tat eine bestialische Unschuld. Auf Bedürfnisbefriedigung läuft alles hinaus, und Korruption ist nur eine höhere Form des Säugens und Gesäugtwerdens.

So werden im Stuttgarter Theater der Staat, die Macht und die Wirtschaft im Licht des Leitsatzes "Es ist was faul im Staate (Dänemark)" unter die Großmetaphernhaube "Schweinestall" gesetzt.

Hamlet (Till Wonka) ist im Schlamm der Bühne ein wilder, wühlender Ermittler, der, wo er auch gräbt, nur Leichen findet. Lösch bedient sich dieses Mannes, um einen seiner Alles-hängt-mit-allem-zusammen-Weltüberblicke zu organisieren.

Es sind diesmal die Abgründe der Politik und der Wirtschaft Südwestdeutschlands, die Lösch im Blick hat. Hamlets toter Vater tritt uns, neunfach inkarniert, im Wehrmachtsmantel und mit der Greisenmaske des ehemaligen Landesvaters Hans Filbinger entgegen (Filbinger? Marinerichter im "Dritten Reich", dort bis zuletzt für Todesurteile zuständig, von Rolf Hochhuth als "furchtbarer Jurist" bezeichnet). Hamlets Familie, kein Zweifel, ist eine alte Nazifamilie.

Der schwäbische Hamlet ehrt und preist seinen Vater; der Alte sei zwar Nazi, aber ein großartiger Mensch gewesen. Und wenn Claudius, der Mörder von Hamlets Vater, die Trauerrede auf sein Opfer hält, so finden sich darin Teile jener legendären Rede, mit der Baden-Württembergs aktueller Ministerpräsident Günther Oettinger den früheren Landesvater Filbinger zu einer Art Widerstandskämpfer erklären wollte.

Prinz Hamlet lebt in einem Land, das er von Verbrechern übernehmen wird, mit diesem Umstand arrangiert er sich rasch; am Ende dirigiert er, der Nazizögling, gar eine Horde von Neonazis (bei Shakespeare: Fortinbras’ norwegische Truppen). Die Schweinestallverhältnisse im Land, so suggeriert Lösch, können einen jungen Mann schon in den Faschismus treiben.