Zu Beginn der 1990er Jahre war der Kalte Krieg zu Ende gegangen, und die Dreiteilung der Welt in West, Ost und "Dritte Welt" machte der technologischen Globalisierung und der ökonomischen Öffnung Chinas und aller Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion Platz.

Seither ist der grenzüberschreitende Kapital- und Geldverkehr überaus schnell gewachsen. Zugleich erlaubte die Vernetzung von Computern eine bisher ungeahnte Elektronisierung dieses globalen Kapital- und Geldverkehrs. Die Computer ermöglichten alsbald auch die Schaffung hochkomplizierter und deshalb in ihren Risiken undurchsichtiger Finanzinstrumente, sogenannter Derivate, darunter vielerlei Zertifikate. Die angloamerikanische Finanzindustrie hat dafür den hochtrabenden Namen "Finanzprodukte" in Gebrauch genommen.

Tatsächlich aber wurden damit kaum zusätzliche Werte produziert, sondern zusätzliche Gewinne und zusätzliche Schulden (in den USA insbesondere Hypothekenschulden). Es handelt sich um Hunderttausende verschiedenartiger Wertpapiere, hinter denen sich vielfältige gefährliche Konstruktionen verbergen. Die allermeisten dieser Papiere haben das gemeinsame Merkmal, dass Gewinn und Einkommen des jeweiligen Urhebers von Anfang an gesichert sind, während das sorgfältig verborgene Risiko der Wertminderung eines Derivats oder gar eines Absturzes allein beim Käufer des Papiers liegt – eine gut getarnte Form von Raubtierkapitalismus. Die allzu gutgläubigen Käufer dieser Papiere – darunter vieler Hypotheken-Derivate – waren Pensionsfonds, Hedgefonds, Investmentbanken, Geschäftsbanken einschließlich aller deutschen Landesbanken! Und es waren ganz normale Sparer, leider auch in Deutschland.

Die Finanzindustrie leidet gleich an mehreren Krankheiten

Nachdem in den vergangenen 18 Monaten immer mehr dieser Derivate in einer weltweit sich ausbreitenden Vertrauenskrise an Wert verloren haben, sind Abschreibungen und Verluste in der Größenordnung von vielen Tausend Milliarden Euro eingetreten. Im September 2008 versetzte die amerikanische Regierung den global vernetzten Finanzmärkten zusätzlich einen schweren Schock, als sie überraschenderweise – und verantwortungslos gegenüber der Welt – die große New Yorker Investmentbank Lehman Brothers mitsamt Zigtausenden von Lehman-Derivaten in die Pleite fallen ließ.

Vorher hatte man geprahlt mit Hilfsaktionen des amerikanischen Staates und der Notenbank, man hatte riesige Hypothekenbanken und andere Banken gerettet. England, Frankreich, Deutschland und andere Staaten folgten dem amerikanischen Beispiel, jedermann konnte mit der staatlichen Rettung gefährdeter Finanzinstitute rechnen – nun aber war plötzlich fast der ganze Rest des allgemeinen Vertrauens in den Hilfswillen und in die Fähigkeit der amtierenden amerikanischen Regierung geschwunden. Auch ein danach eingeführter Rettungsschirm für die Banken konnte das Vertrauen nicht zurückbringen. Stattdessen richten sich die Hoffnungen auf die kommende Regierung Obama.

Weil aber niemand weiß, ob nicht schon morgen oder übermorgen weitere Banken an den Rand des Konkurses geraten oder geschlossen werden müssen, sind die allermeisten Banken äußerst vorsichtig geworden, einander auch nur für wenige Tage oder nur über Nacht einen Kredit einzuräumen. Aber auch die Finanzierung von Produktionsunternehmungen, Handelsfirmen und Privatpersonen ist schon seit 2007 zunehmend ins Stocken geraten. Denn seit Mitte des Jahres 2007 erleben Millionen von Unternehmensmanagern und eine Milliarde Fernsehzuschauer und Zeitungsleser sich wiederholende Tsunamis von schlechten Nachrichten aus der Finanzindustrie.