Nichts hätte die Mär vom Niedergang der Supermacht sinnfälliger widerlegen können als die Inthronisierung Barack Obamas, des 44. Bürgerkönigs von Amerika. Abermillionen rings um die Welt, die das Spektakel auf dem Schirm beobachtet haben, kennen nicht einmal die Namen der Staatschefs von China, Indien oder den europäischen Ländern, geschweige denn, dass sie ihre Amtseinführung bestaunen würden. Doch wie schon die Wahl Obamas global war, ist es auch dieser Präsident. Die Geschichte kennt dafür kein Beispiel.

Die Macht ist auch die Last. "Noch nie" seit Kennedy, notiert Henry Kissinger, habe ein Präsident sein Amt unter "so gewaltigen Erwartungen" angetreten. Die Hoffnungen, die auf Obama drücken, sind geradezu grausam, und natürlich wird er unter diesem Gewicht oft genug einknicken, zumal er zwei Kriege und eine Weltwirtschaftskrise geerbt hat. Aber diese Binsenweisheit verblasst angesichts der Tugenden und Talente, die er mit ins Weiße Haus bringt.

Kennedy wurde erst im Amt zum Mythos, Obama verkörperte schon vor diesem 20. Januar einen klassischen amerikanischen Helden, aber von der postmodernen Art. Er kam aus dem Nichts in die Stadt geritten, ein Mann fast ohne Eigenschaften, der als Provinzsenator in Illinois, dem Lande Lincolns, zumeist mit Enthaltung gestimmt hatte. Im shoot-out hat er die mächtige Hillary bezwungen, den alten Krieger McCain. Doch dann, wie im Bildungsroman, die Reifung vom kaltblütigen Machtpolitiker zum charismatischen Versöhner, der seine Feinde nicht vernichtet, sondern umarmt – siehe Mrs. Clinton, seine Außenministerin, siehe den Bushisten Robert Gates, der Verteidigungsminister bleibt.

Dieser Präsident wird einem bescheideneren Land vorstehen

Auf diese magische Wende hat Amerika, hat die Welt gewartet; sie erklärt die Woge des Optimismus, die Obama am Dienstag ins Weiße Haus trug. Zwei Drittel aller Amerikaner glauben, er werde ihre Lebenswelt verbessern – trotz wütender Rezession. George W. ist zwar auch als Versöhner ("compassionate conservative") angetreten, hat wie kein anderer Minderheiten ins Kabinett geholt; doch dann, nach dem Terrorangriff, hat er die Nation polarisiert. Hier wir, dort ihr – "you are with us or against us". Das galt zwar dem Rest der Welt, hat aber die Nation genauso gespalten: in "rote" und "blaue" Staaten, Gläubige und Weltliche, Bildungseliten (links) und weiße Arbeiter (rechts).

Obama dagegen verkörpert die Sehnsucht nach der "Wiedervereinigung". Und siehe da, der Mann der Linken trennt sich von den Extremisten im eigenen Lager wie dem rassistischen Prediger Jeremiah Wright und holt sich den Evangelikalen Rick Warren für die Inauguration. Er verneigt sich vor dem unterlegenen John McCain und bricht Brot mit Washingtons konservativen Kolumnisten. Der Nestor der Neo-Cons, Charles Krauthammer, sagt hinterher nur halb ironisch: "Der Mann ist intellektuell neugierig, wollte (uns) aber auch kooptieren. Bei mir zumindest hat er es geschafft." Wer Krauthammer gelesen hat, weiß diese Leistung irgendwo zwischen Nobelpreis und NBA-Meisterschaft einzuordnen.

In seiner Antrittsrede hat sich Obama gleich im zweiten Satz bei Bush bedankt. Dann intonierte er: "Wir haben uns für Hoffnung, nicht Furcht entschieden, für Einheit, nicht Streit." Diese Worte erinnern an Abraham Lincoln, der 1861 auch zu einer zerrissenen Nation sprach: "Wir sind nicht Feinde, sondern Freunde. Wir dürfen keine Feinde sein. Die Kette unserer Liebe zueinander darf nicht brechen."

Der Mann, der wie Lincoln sein will, sprach schon im Sommer zu den Europäern. "Jetzt ist die Zeit, neue Brücken zu bauen", rief er an der Berliner Siegessäule. "Wir brauchen Verbündete, die einander zuhören, voneinander lernen und einander vor allem vertrauen." So spricht er zu einer Welt, die Amerika wieder lieben möchte, freilich auch wähnt, dass alle Probleme, der Hass und die Verachtung, die dem Land in den vergangenen acht Jahren zuteilwurden, allein auf Bush zurückzuführen seien.

Bush ist weg, aber Amerikas Macht, Masse und Ungestüm sind geblieben. Für Hannah Arendt war dieses Land stets "Traum und Albtraum", Modell und Monstrum zugleich. Das wird sich auch unter Obama nicht ändern. Wer die Macht hat, nutzt sie, und wer handelt, kann scheitern oder schuldig werden. Aber ändern werden sich der Stil und auch die Substanz. Dieser Präsident wird einem ernüchterten, bescheideneren Land vorstehen. Es wird wieder "führen", wie er verkündet, aber als "Freund aller anderen Nationen". Denn die Macht wachse "durch die Besonnenheit ihres Einsatzes", und wahre Stärke entspringe der "Kraft des Beispiels".