Als Assistent bei Claus Peymann habe ich gelernt, dass der Autor eines Stückes nicht zwangsläufig tot sein muss. Traditionell befand sich die Figur des Autors eher im Dunkeln. Man hielt ihn in einer seltsamen Form von Respekt auf Distanz. Bei Peymann am Burgtheater war das anders: Handke, Turrini und Tabori gingen ein und aus, mit Jelinek hatte man telefonisch Kontakt.

Als ich 1994 ans Bayerische Staatsschauspiel in München kam, konnte ich nicht verstehen, dass man dort das hochpolitische Angels in America von Tony Kushner nie gespielt hatte. Inzwischen könnte man das Drama als modernen Klassiker bezeichnen, damals hat man es häufig als Schwulen-Stück abgetan. Auf der Suche nach einer Möglichkeit, das Thema Aids auf die Bühne zu kriegen, stieß ich in New York auf Nicky Silver, einen jungen Autor, den ich später ins Deutsche übersetzt und mehrfach aufgeführt habe. In Stuttgart habe ich später Roland Schimmelpfennig, René Pollesch, Franzobel, Theresia Walser und Moritz Rinke ans Theater geholt. Am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg hatten wir sogar Hausautoren aus Argentinien, Schweden und Makedonien. Schritt für Schritt wurde ich so der Autoren-Dramaturg.

Ich werde sicher noch lange Gegenwartstheater machen. Aber der Tag wird kommen, an dem ich mich wieder dem klassischen Kanon stelle. Die Möglichkeiten für das Autoren-Theater haben sich beachtlich entwickelt, inzwischen muss wieder strenger auf die Qualität geachtet werden. Bei allem Enthusiasmus muss man auch erkennen, wenn jemand beim dritten oder vierten Stück nicht aus dem Stadium der Talentprobe herauskommt. In diesem Sinne will ich mich weiter zum Theater-Ermöglicher entwickeln.

Hier im Schauspielhaus in der Porzellangasse versuchen wir das gerade mit einer zehnteiligen Serie über unseren berühmtesten Nachbarn, Sigmund Freud. Jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit gehe ich am Freud-Haus in der Berggasse vorbei und denke darüber nach, wie der Mann und sein Werk das Theater beeinflusst haben. Bei unserer Serie entwickeln nun zehn Regisseure unter gleichbleibenden Bedingungen eine Doku-Fiction als theatralischen Staffellauf: vier Schauspieler, ein Ort, 50 Minuten Spielzeit. So werden Handschriften sichtbar und Kunstgriffe vergleichbar: Wie hat sich der Vorgänger geschlagen, was wird der nächste Regisseur machen? Vor allem aber bietet es die Möglichkeit, neben der Pflicht auch der Neigung nachzugehen: Regisseure haben die Aufgabe, einen neuen Text auszuprobieren; sie bekommen damit aber auch die Chance, Spaß im Karton zu erzeugen.

Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer