Jetzt, wo nach beinahe zwei Wochen endlich wieder russisches Erdgas durch die Rohre strömt, haben auch die Männer in den feuerfesten Anzügen wieder Ruhe. Ebenso können Techniker, Schlosser und Mechaniker wieder ein bedächtigeres Leben führen. Und ihr Chef, Johann Elnrieder, muss nicht mehr zu Presseterminen eilen. Er leitet die Verdichterstation Baumgarten. Von hier werden 64 Milliarden Kubikmeter Erdgas im Jahr weitergepumpt: nach Deutschland, Frankreich, Italien, Ungarn, Kroatien und Slowenien. Das ist ein Drittel des gesamten Erdgases, das Westeuropa verbraucht. Als zu Jahresbeginn aber gar kein Gas mehr kam, hatten Elnrieder und seine 50 Mitarbeiter mehr zu tun als sonst: Schieber hinauf, Schieber hinunter, Druck senken, erhöhen, ausgleichen. "Wir mussten ständig umstellen und adaptieren", sagt der Stationsleiter.

Die europäische Krise ließ sich an den Messgeräten in Baumgarten gut ablesen. Auf dem 18 Hektar großen Areal verlaufen überall weiße und silberne Röhren, an denen die Messgeräte plötzlich nicht mehr zeigten, was sie zeigten sollten. Die Zeiger der Manometer näherten sich der Null. Regelmäßig begab sich der Geschäftsführer der OMV Gas, Klaus Woltron, von Wien nach Baumgarten, um Medienleuten auf der Verteilerstation herumzuführen. Und Elnrieder, der Anlagenleiter, posierte für Fotografen und deutete auf die roten Lämpchen, die sonst immer grün leuchten.

Eisiger Wind jagt über die Station, dort, wo das Marchfeld im Osten ausläuft, noch in Niederösterreich, aber nahe an der slowakischen Grenze. Das Plätschern des Grenzflusses March ist in Hörweite. "Hier ist OMV-Kernland", sagt Woltron. Einen Steinwurf nordwestlich, in Schönkirchen-Reyersdorf und Tallesbrunn, lagern die österreichischen Erdgasreserven in unterirdischen Depots. Baumgarten ist ein Knotenpunkt, an dem das lebensnotwendige Erdgas, das aus Sibirien über die Ukraine und zuletzt durch die Slowakei strömt, über den Kontinent verteilt wird. Internationale Gaskonzerne wickeln hier ihre Deals ab. Auch die russische Gasprom hat sich eingemietet: Mit ihrer Hilfe soll Baumgarten zu der größten Gasdrehscheibe auf dem europäischen Festland ausgebaut werden, ein geschäftiges Zentrum, das alle Welt nur unter der Bezeichnung Central European Gas Hub kennt.

Orte, tiefgekühlt wie für schlechtere Zeiten. Die sind jedoch bereits da

Vielleicht ist Baumgarten aber auch der einsamste Ort der Welt. Kaum hundert Meter neben der Kompressorstation verläuft die Hauptstraße. Man hört Hunde bellen. Jemand sägt Holz. Hier sollen 209 Menschen leben, Landwirte vor allem, doch man sieht zunächst keinen einzigen. Vor den Scheunen warten Traktoren, und an den Mauern lagern säuberlich aufgeschichtete Holzscheite. Im Gestrüpp rostet ein alter roter Mercedes vor sich hin. Es fahren zwei oder drei Autos in der Minute vorbei. Die wenigen, die hier parken, werden von Männern mit Hüten gesteuert, die misstrauisch aus dem Fenster blicken. Auf dem Uhrturm des alten Schulhauses sind die Zeiger eine halbe Stunde nach zwölf stehen geblieben. Die Schule selbst hat zugesperrt, nicht nur fürs Wochenende, sondern mangels Bedarf schon 1966. In der Glasscheibe des hölzernen Schaukastens, dort wo die Gemeindenachrichten hängen sollten, spiegeln sich graue Fassaden und Fensterläden. Er ist leer, so wie die Telefonzelle, die Parkplätze, die Plakatwände. Nur die Zeitungstaschen sind hier prall gefüllt.

In den Nachbarort Oberweiden führt eine kerzengerade Landstraße an verschneiten Feldern vorbei. Dort dankt an der Kirche ein Schild "der OMV für die großzügige Subvention von 5000 € für die Erneuerung unseres Kirchenportals". Das bedeutet es also auch, OMV-Kernland zu sein. Auch in Oberweiden hat das Gasthaus seine Lichter gelöscht. Als wir schon weiterfahren wollen, zeigt sich eine Gruppe von Männern mit Gewehren über der Schulter. Sie tragen Mützen mit Ohrenklappen, einer hat einen Patronengurt um die Hüften geschnallt. "Fuchsjagd", erklärt er, während er in seinen Jeep klettert, "einmal im Jahr, nur zu Forschungszwecken." Dann verschwinden die Jäger in ihren Autos in der Ferne. Es hat fünf Grad unter null. Kein Mensch lässt sich blicken. Baumgarten, Oberweiden: Orte, wie tiefgekühlt für schlechtere Zeiten. Aber die schlechteren Zeiten sind bereits angebrochen.

Weitere zwei Kilometer entfernt liegt Zwerndorf. Drei alte Frauen, dick eingepackt in Jacken, Mützen und Fäustlinge, gehen spazieren, vorbei an endlos weiten Feldern, auf denen bald wieder Rüben, Weizen und Mais geerntet werden können. Früher hätten sie hier noch selbst angebaut, erzählen die Frauen; jetzt seien sie in Pension. 1952 wurde Erdgas unter den Feldern von Zwerndorf entdeckt, die damals in der russischen Besatzungszone lagen. Als man es erschließen wollte, schoss plötzlich ein Feuerball zum Himmel. Alle Felder ringsum wurden zerstört. Zwei Jahre lang trat unkontrolliert Gas aus. Erst sowjetische Turbinenbohrbrigaden konnten es eindämmen. Die erste Zeit nach dem Unglück waren den Zwerndorfern Erdgas und Pipeline nicht geheuer. Den Menschen, die heute hier leben, ist das alles hingegen gleichgültig. Die Angst vor der großen Feuerkatastrophe schlummert tief in der Vergangenheit.

Um einen zugefrorenen Teich steht eine Siedlung mit Ferienhäusern und Schanigärten. Autos mit Wiener Kennzeichen halten davor. Leute laufen hinein, schauen, ob auch keine Leitung gebrochen sei, fahren wieder fort. "Das sind Zweitwohnsitze, die zählen nicht", sagt eine der Bäuerinnen. Am Ende des Teichs, der einmal eine Sandgrube war, steht ein Häuschen, das Dreier-Wirtshaus. Es heißt so, weil es damals, in den sechziger Jahren, als Josef Helm in dem alten Geräteschuppen sein Wirtshaus einrichtete, noch zwei weitere in Zwerndorf gab. Eines davon hat mittlerweile zugesperrt, das andere ist nur mehr am Wochenende geöffnet. Der Dreier-Wirt ist heute der Einser-Wirt. "Wir sterben nicht, wir stagnieren", sagt eine der Spaziergängerinnen über Zwerndorf, wo heute 302 Menschen leben. Da zählt jeder Einzelne.