Dung Van Nguyen lebte viele Jahre mit ihrer Familie in einem Asylbewerberheim. Das Mädchen hat keine schlechten Erinnerungen an diese Zeit, schließlich gab es immer jemanden zum Spielen. Dungs Eltern dagegen haben die Sammelunterkunft gehasst: die Gemeinschaftsküche, die Streitereien zwischen den Völkerschaften, vor allem aber die bedrückende Enge. Nur eines hat niemals gefehlt: ein Platz, an dem das Mädchen lernen konnte. Und noch etwas anderes haben Dungs Eltern richtig gemacht. Wie fast alle vietnamesischen Eltern meldeten sie ihr Kind früh in einer Kita an. So lernte die Tochter perfekt Deutsch. Heute besucht Dung ein Potsdamer Gymnasium und ist mit einem Notenschnitt von 1,5 eine der Besten in ihrer Klasse. Vergangenen Sommer hat die Start-Stiftung, das Förderwerk für begabte Migrantenschüler, die 14-Jährige in den Kreis ihrer Stipendiaten aufgenommen. Rund 30 Prozent der Auserwählten in Ostdeutschland sind Vietnamesen. Auch in ihrer Familie ist Dung kein Ausnahmetalent. Sowohl ihre Schwester als auch der Bruder gehen aufs Gymnasium und haben im Zeugnis eine Eins vor dem Komma.

Dabei hatten die Geschwister niemanden, der ihnen zu Hause bei den Schulaufgaben helfen konnte. In der Wohnung stehen weder viele Bücher, noch findet man im Kinderzimmer pädagogisch anregende Spiele. Gegenüber dem kleinen Altar mit Räucherstäbchen, wo die Familie ihrer Ahnen gedenkt, thront im Wohnzimmer ein riesiger Flachbildschirm. Die Wohnung, gelegen in einer Siedlung am Rande Potsdams, ist eng. Im Flur stapeln sich die Saftkartons für den Imbisswagen der Eltern.

Es ist Nachmittag, die Familie hat sich zum Tee versammelt, und Herr Nguyen berichtet. Die deutschen Worte, die er herauspresst, sind schwer zu verstehen. Und so übersetzen die Töchter die Geschichte. Wie der Vater als Vertragsarbeiter in der Sowjetunion lebte und nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Reiches in Deutschland Asyl beantragte. Wie die Familie nach vielen Jahren der Unsicherheit schließlich bleiben durfte, unter der Auflage, dass sie ein ausreichendes Einkommen vorweisen konnte. Dungs Eltern schufteten bis zur Erschöpfung. Von vormittags bis abends um zehn stand das Ehepaar in seinem rollenden Restaurant und verkaufte »Kokosmilchsuppe scharf« oder »Bandnudeln mit Hühnerbrust knusprig«.

Die meisten Vietnamesen halten sich als Selbstständige über Wasser. Wegen ihrer Sprachprobleme finden sie keine reguläre Anstellung. Bis zu 60 Stunden in der Woche arbeiten sie in ihren Nippesläden und Blumengeschäften, in Nagelstudios oder auf Wochenmärkten. Dass viele sich verpflichtet fühlen, regelmäßig Geld an Verwandte in der Heimat zu schicken, erhöht den Einkommensdruck.

Oft müssen die Kinder im Geschäft mit anpacken. Dung musste sich um Bruder und Schwester kümmern. Denn jahrelang bekamen die Kinder ihre Eltern wenig zu sehen. Nur am Nachmittag erschien die Mutter kurz, um das Essen zuzubereiten. Ansonsten waren die Geschwister viele Stunden auf sich allein gestellt. Dennoch beugten sie sich am Nachmittag über die Bücher und brachten exzellente Noten nach Hause.

Wie ist das möglich, Herr Nguyen? Warum sind vietnamesische Kinder so gut in der Schule? Jetzt lächelt der Vater, der bislang recht streng geschaut hat, das erste Mal. Das Thema gefällt ihm besser als das Reden über die Vergangenheit. Seine Antwort ist verblüffend einfach: »Weil alle vietnamesischen Eltern wollen, dass ihre Kinder gut sind in der Schule.« Übersetzt heißt dies wohl: Die Kinder lernen früh, welche Noten sie ihren Eltern schulden und dass sie dafür viel lernen müssen.