Am Berliner Barnim-Gymnasium mischt sich Freude über die hohen Ambitionen der Eltern seit einiger Zeit mit Sorge. Die Lehrer wurden erstmals hellhörig, als vietnamesische Schüler Arztatteste fälschten, um sich aus Angst vor schlechten Noten vor einer Prüfung zu drücken. Ein anderes Mal eröffnete der Schulleiter einem Jugendlichen, der sich danebenbenommen hatte, dass er den Regelverstoß seinen Eltern melden müsse. Der Junge fiel auf die Knie und flehte den Rektor an, dies nicht zu tun. So etwas hatte Schmidt-Ihnen in mehr als drei Jahrzehnten im Beruf noch nicht erlebt.

Die Schule hat reagiert. Sie engagierte eine Sozialarbeiterin, die nun jeden Freitag das Gymnasium besucht, und veranstaltete erstmals einen Elternabend mit einem Dolmetscher. Mehrere Stunden dauerte das Treffen, so viele Fragen hatten die Mütter und Väter. Ihre größte Sorge war das Testhalbjahr. Denn neuerdings sind nicht mehr alle Noten der vietnamesischen Schüler durchweg top. Zum ersten Mal könnte es sogar sein, dass einige von ihnen die Probezeit am Barnim-Gymnasium nicht überstehen. »Die vietnamesischen Schüler gleichen sich den einheimischen an«, erklärt eine Klassenlehrerin diesen Trend.

Doch was für hiesige Familien normal ist, kann in vietnamesischen Kreisen zu einer veritablen Krise führen. Denn die Integration der Kinder im Turbotempo entfremdet sie ihren Eltern, besonders wenn sie in die Pubertät kommen. »Die Jugendlichen leben in zwei Kulturen«, beobachtet Tamara Hentschel vom Verein Reistrommel, der die Berliner Vietnamesen seit der Wende unterstützt. Zwischen den Generationen herrsche eine »Sprachlosigkeit«. Hentschel meint das ganz wörtlich. Da viele Kinder bereits ganz früh in die Kita kommen, sprechen sie später zwar akzentfrei Deutsch; ihr Vietnamesisch jedoch taugt nur für die Alltagskommunikation. Wird das Thema emotional und damit kompliziert – schlechte Noten, der erste Freund –, stocken die Worte, oder es wird laut. Dann schreien beide Seiten, in unterschiedlichen Sprachen. Wenn es ganz schlimm kommt, wenden sich die Jugendlichen von ihrer Kultur ab und weigern sich, vietnamesisch zu essen, oder reißen gar von zu Hause aus.

Doch das sind (noch) Einzelfälle. Die meisten vietnamesischen Familien halten eng zusammen. Und der Respekt der Kinder vor den Eltern ist genauso groß wie ihr eigener Ehrgeiz. »Wir wollen lernen und vorankommen«, sagt auch der kritische Long. »So können wir vielleicht einmal zur Elite dieses Landes gehören.«

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