Jochen Sanio liebt drastische Bilder. Doch selbst dem obersten staatlichen Bankenaufseher in Deutschland gehen allmählich die Vergleiche aus, wenn er die Lage im Kreditwesen beschreiben soll. Das internationale Finanzsystem ähnele inzwischen "den Straßen von Neapel zu Zeiten des Müllnotstandes", sagte Sanio vergangene Woche auf dem Neujahrsempfang seiner Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht in Frankfurt.

Stimmt. Die Banken sitzen auf Bergen von Papieren und Kreditforderungen, die nur noch für die Tonne taugen. Ihr Wert sinkt drastisch, das zwingt zu Abschreibungen und lässt die Verluste in die Höhe schnellen. Hierzulande meldete die Deutsche Bank gerade eines der schlechtesten Quartalsergebnisse ihrer Geschichte – 4,8 Milliarden Euro Verlust. Der Aktienkurs stürzte ab, das Institut ist an der Börse nur noch zehn Milliarden Euro wert. In Amerika verzeichnete die Citigroup ein Minus von 8,3 Milliarden Dollar binnen drei Monaten. In Großbritannien beklagt die Royal Bank of Scotland einen Jahresverlust von 28 Milliarden Pfund. So viele Miese hat noch kein Konzern im Königreich geschrieben.

Vielleicht wird es alles noch schlimmer. Allein in den Büchern von 18 großen deutschen Banken stehen nach einer Umfrage von Bundesbank und Finanzaufsicht BaFin sogenannte Asset Backed Securities (ABS) in Höhe von 305 Milliarden Euro. Das sind Wertpapiere, die mit Forderungen besichert sind; mit Krediten etwa, die in einer Krise gerne mal reihenweise ausfallen. Rechnet man andere Risiken wie Übernahmekredite hinzu, steige die Summe "locker auf das Doppelte", heißt es in Regierungskreisen. Das gesamte Kapital der deutschen Banken beläuft sich jedoch gerade einmal auf 400 Milliarden Euro.

So wird immer deutlicher: Die bisherigen Rettungspakete haben die Abwärtsspirale nicht gestoppt. Diese Programme, sagt Raghuram Rajan, früher Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, hätten zwar den völligen Zusammenbruch des Finanzsystems verhindert. Doch nur wenn der Staat erneut Milliardenbeträge ausgebe, bestehe die Chance, dass es den Banken bald wieder besser gehe, dass man ihnen wieder vertraue, dass sie die Wirtschaft ausreichend mit Geld versorgten und so wieder Blut durch die Arterien der Volkswirtschaften fließe.

Deshalb rollt jetzt die zweite Rettungswelle. In Dänemark gewährt die Regierung den Banken mehr als 13 Milliarden Euro, in Großbritannien sichert der Staat sie gegen Kreditausfälle ab, die USA arbeiten an einem neuen Paket. Auch in Deutschland kommen die Dinge in Bewegung. Umstritten ist, wie die zweite Auflage der Rettung organisiert werden soll: Soll der Staat die Institute weiter mit Kapital versorgen, bis hin zur völligen Nationalisierung des Bankensystems? Oder soll er ihnen ihre riskanten Papiere abkaufen und in eine bad bank auslagern, eine Art öffentlicher Mülldeponie für aussortierte Finanzmarktprodukte? Es geht auch darum, wie stark sich die Regierung in die Wirtschaft einmischen soll – eine Frage von enormer politischer Sprengkraft.

Die Deutsche Bank arbeitet mit einem großen Hebel