Wer als Tourist reist, sieht sie meist nur aus der Ferne: die wilden Siedlungen am Rande der Megametropolen, in denen die Ärmsten der Armen leben. Oft hindern uns Sprachbarrieren, meist aber auch schiere Angst um die eigene Sicherheit daran, hinter die Bretterverschläge zu schauen, mit den Bewohnern ins Gespräch zu finden, über ihr Leben zu erfahren. Der Fotograf Jonas Bendiksen hat mehrere Monate in den Slums von Nairobi in Kenia, Mumbai in Indien und Caracas in Venezuela verbracht. Er hat Familien in ihren Hütten besucht, ihnen zugehört, ihre Geschichten aufgezeichnet und die Menschen in ihrem Zuhause porträtiert (unser Bild zeigt die Familie Lohar aus Mumbai). Der schmale Bildband funktioniert selbst wie ein Hausbesuch: Die knappen Berichte finden auf jeweils einer Doppelseite Platz, die sich dann zum vier Seiten breiten 360-Grad-Panorama aufklappen lässt. Während die Texte die Biografien der Slumbewohner skizzieren, Auskunft geben über ihre Sorgen, Hoffnungen und Wünsche, zeigen die Bildteppiche, wie die Bewohner mit Farbe und Ordnung dem Elend trotzen, das sie umgibt. Es sind bewegende, überraschende Einblicke. Dem Bildband vorangestellt ist die Frage der Inderin Nagamma Shilpiri, die in Mumbai mit 15 Verwandten auf engstem Raum lebt: »Wenn wir den Leuten von unserem Zuhause erzählen, wer wird uns glauben?« Jonas Bendiksen sorgt dafür, dass sie gesehen werden. Das ist ein Anfang.
kcb

Jonas Bendiksen: »So leben wir: Menschen am Rande der Megacitys«; Knesebeck Verlag, München 2008; 196 S., 29,95 €