Papier ist ungeduldig

Das Jahr 2009 ließe sich, wenn man nur will, endlich als gemeinsame Geschichte schreiben, als deutsch-polnische Erfolgsgeschichte. Polen machte sich bereits 1980 aus eigener Kraft auf den Weg in die Demokratie, im Juni 1989 fegten halb freie Wahlen die alte Herrschaft vollkommen hinweg, und in Ostdeutschland fand ebenfalls 1989 das große Erwachen statt, in den Kirchen wie auf den Straßen.

Allein das schon, was da bei allen Ungleichzeitigkeiten, auch Unvergleichbarkeiten, in einem historischen Moment zusammenfloss, machen die letzten Bände der Polnischen Bibliothek klar. Denken und Wissen heißt diese Reihe, bei Suhrkamp veröffentlicht. Differenzen zwischen uns Nachbarn sind es, auf die man mit der Nase gestoßen wird, aber seltsamerweise spürt man noch stärker die kulturelle Nähe, ja den verwandtschaftlichen Konsens zwischen Deutschen und Polen. Man nehme nur jene Texte zur Hand, die unter dem Titel Polen und der Osten versammelt worden sind, oder die vom polnischen "Anti-Totalitarismus", vom "Liberalismus nach dem Ende des Kommunismus" und von "Polen denkt Europa" handeln.

Jüngst war es die Ukraine, die im Energiestreit mit dem Kopf durch die Wand (Russland) wollte, zuletzt wollte Warschau in Brüssel erreichen, dass Putin mit seiner Machtbasis namens Gasprom nicht an Polen vorbei eine Ostseepipeline verlege und Europa in Empfängerländer erster und zweiter Klasse teile. 1610, schmökert man dann so herum, wurde der Kreml von polnischen Truppen besetzt, unterstützt natürlich von der katholischen Kirche, 1612 brach der Aufstand gegen die Polen aus. Jahrhundertelang schlug Russland zurück. 2004 empfahl Patriarch Alexej dem anderen "Patriarchen", Putin, den Tag der Nationalen Einheit, bis dahin mit der bolschewistischen Revolution verknüpft, auf den Tag der Befreiung Moskaus am 4. November 1612 zu datieren.

Es ist der eminent historische Blick, den diese Essay-Sammlungen, aber auch die "Klassiker" der Moderne wie Henryk Elzenbergs eindrucksvolles Tagebuch eines Philosophen, Kummer mit dem Sein, oder Jerzy Jedlickis Die entartete Welt auslösen.

Auf eine denkwürdige Zeitreise begibt man sich gerade auch bei der Lektüre des jüngstes Bandes: Visionen an der Bucht von San Francisco, verfasst von Czeslaw Milosz, einem der großen polnischen Schriftsteller, der von 1951 an im Exil lebte, 1980 den Literaturnobelpreis erhielt und vor fünf Jahren starb. Einen "europäischen Zuwanderer" nannte er sich im Vorwort zu diesen Miniaturen, die im Jahr 1968 entstanden, freilich ein Opfer der "Talentmigration". Unter der Überschrift Mein Vorhaben beginnt er mit dem lapidaren Satz: "Ich bin hier." Ja, das ist sein Vorhaben. Er ist "hier", aber in einer Welt, die nicht Europa ist, die – wie er findet – unhistorisch denkt, in einer "Epoche zwischen Globalisierung und der ersten Mondlandung". Berkeleys Studenten sind auf den Barrikaden. Er sieht das Land anders, bleibt heimatlos und versteht, was er schreibt, daher als "Expedition in das eigene Selbst". Er ist einfach da.

Nein, nicht alle Bücher, nicht alle Autoren dieser Reihe, die Dieter Bingen, der Leiter des Deutschen Polen-Instituts Darmstadt ediert hat, sind direkt politisch. Was diese Reihe zum Politikum macht, ist etwas anderes: Sie packt den Stier bei den Hörnern. Die Deutschen, heißt es, wissen dramatisch wenig über Polen, noch weniger als die Polen über ihren eigenen Osten. Und doch muss man die Nachbarn zusammendenken. Auf Augenhöhe. Papier ist geduldig? Es kann auch ungeduldig sein. Ein Stück Anerkennung Polens steckt in diesem kleinen Projekt, das der Politik – trotz großer Worte – so recht nicht gelingen will.

Peter Olivre Loew: Polen denkt Europa

Papier ist ungeduldig

Suhrkamp Verlag 2004; 414 Seiten, 24,90 €