Günter Grass hat einst vorgeschlagen, in allen Schulen einen Kurs zur Erlernung der Langsamkeit einzuführen. Diese Idee ist im Sinne von Fritz Reheis. In Bildung contra Turboschule! schreibt der frühere Gymnasiallehrer, unsere heutigen Bildungsstätten verabreichten eine Fast-Food-Bildung. Diese Kost bekomme weder Kindern noch Lehrern, mache inkompetent und leistungsschwach. Es fehle die Zeit zum Nachfragen und Üben, zur Nutzung der produktiven Kraft des Fehlers. Unterricht im Akkordsystem, so das Fazit, leistet genau das nicht, was er vorgibt – auf eine komplexe, hektische Welt vorzubereiten.

Die Verkürzung der Gymnasialzeit ist ein Beispiel dafür: hintereinandergeschachtelte Unterrichtsfächer ohne inneren Zusammenhang, hastig angesetzte Prüfungen, ein Hinterherhecheln hinter dem Stoffplan. Solcher Unterricht ist im Trott der kaiserlichen Hoheitsschule stehen geblieben. Einem Trott, in dem jeder Schüler und jede Schülerin mit schwacher Motivation, einem eigenwilligen Lernverhalten und besonderen, nicht stromlinienförmigen Begabungen auf der Strecke bleibt. Der Autor zeigt anhand von Erkenntnissen aus Hirnforschung und schülerorientierter Pädagogik, wie unproduktiv das starre Zeitregime ist. Es gehe an den "fruchtbaren Momenten" des individuellen Lernens vorbei. Das Gehirn sei wie eine lebenslange Dauerbaustelle: "Die Art und Weise, wie am Anfang die Fundamente gelegt werden, ist für alles Weitere von entscheidender Bedeutung." Bei einem Drittel der Schüler schafft es die Schule nicht, die Fundamente richtig zu legen. Diese Kinder können ihre Bildungshäuser nicht so hoch bauen, wie es ihren Potenzialen entspräche.

Zu Recht setzt Reheis große Hoffnung in die Ganztagsschule. Sie ermöglicht eine Gestaltung von Lernabläufen, die den Biorhythmus beachten und individuelle Förderung beim Lernen gestatten. Gute Ganztagsschulen schaffen es, der irrsinnigen Beschleunigung der Wissensproduktion auszuweichen, im Sinne von Grass die "lärmenden Nebengeräusche" abzuschirmen und das "Erleben der Eigengeräusche" zu ermöglichen: die intensive individuelle Auseinandersetzung mit Inhalten, die Lernfreude vermitteln und Sinn ergeben, weil man mit ihnen den Lebensalltag besser bewältigen kann.

Fritz Reheis: Bildung contra Turboschule!
Ein Plädoyer; Herder Premiere, 221 Seiten, 14,90 €