Um es gleich zu sagen: Ja, es ist ein wenig skurril, wenn sieben kleine Hosenscheißer naturwissenschaftliche Experimente machen. Oder besser: machen lassen. Als Erzieherin Marisa Scharla ruft: "Kommt, wir machen einen Versuch", laufen sie los zum kleinen Tisch, klettern auf die Stühlchen, und Leander krabbelt zu seinem Platz. Auf dem Tisch liegt ein Luftballon, daneben steht ein Plastikgefäß mit Wasser. Das Thema an diesem Tag: "Luft unterschiedlicher Temperatur", Experiment Nummer zwei, "der Luftballongeist". Max faltet die Hände, Malte und Greta starren mit großen blauen Augen auf den Tisch. Maja nuckelt aufgeregt am Schnuller. Es ist so still wie sonst in Krippen nur zur Schlafenszeit.

Die Kinderkrippe Kleinstein der Universität Hohenheim ist die erste und einzige, die gerade das Zertifikat "Haus der kleinen Forscher" bekam. Eigentlich für Kinder von drei bis sechs gedacht, soll diese Initiative der Unternehmen McKinsey & Company, Siemens, der Helmholtz-Gemeinschaft und der Dietmar Hopp Stiftung Kinder im Vorschulalter an Naturwissenschaft und Technik heranführen. Gefördert wird das Programm vom Bundesbildungsministerium und soll irgendwann in allen Kindergärten und Kindertagesstätten eingeführt sein. Bislang nehmen 3300 Einrichtungen teil, 100 dürfen sich bereits mit Zertifikat und Plakette schmücken.

In Hohenheim wird das Konzept zum ersten Mal für Kinder unter drei angewendet. Stark vereinfacht und ohne Zusammenhänge zu erklären. Zwar heißt es im Bildungsministerium, "Altersschranken nach unten gibt es nicht", doch ob Krippenkinder für Naturwissenschaften zu begeistern sind, war, wenn man so will, ein Experiment. Und es stellt sich die Frage, ob das sein muss. Denn ist für Wickelkinder nicht jeder neue Tag ein Experiment? Zu erfühlen, dass Holz hart ist? Zu erkennen, dass eine Blume verblüht und Schnee in der Hand schmilzt? Muss es da noch knallen und blubbern? Muss man da gleich lernen, dass sich warme Luft ausdehnt und kalte zusammenzieht? Oder etwas über die Zusammensetzung von Kohlenstoffdioxid erfahren?

"Mit Erklärungen können die Kinder nichts anfangen", sagt die Leiterin der Krippe, Marisa Scharla. "Sie verstehen auch nicht, welche chemische oder physikalische Reaktion da stattfindet." Und so geht es bei den Kleinsteins nicht ums Heranziehen kleiner Einsteins, sondern um ein spielerisches Heranführen an Naturwissenschaften. Strohhalme, Würfelzucker, Kaffeefilter, Kalziumtabletten stapeln sich rund um eine Dreiliterflasche Sonnenblumenöl im Regalfach mit der Aufschrift "Versuche". Anfangs war Scharla selbst skeptisch, aber dann sah sie, wie sehr die Kinder diese Experimente lieben. Zweimal pro Woche wird nun geforscht.

"Ist da was drin?", fragt die Erzieherin und deutet auf das Plastikgefäß auf dem Tisch. "Wassa", sagt Max. "Da", kreischt Greta und fasst an das Gefäß. "Ist das kalt oder warm?" Greta, zwei Jahre alt, steckt den Finger hinein, und die anderen machen es nach. Sie lecken das Wasser ab, "kalt" lautet der Beschluss. Scharla füllt in ein zweites Gefäß heißes Wasser, "Seht mal, wie’s dampft!", stülpt einen Luftballon über eine leere Plastikflasche und stellt sie in das Gefäß mit heißem Wasser. Malte, zweieinhalb Jahre, klatscht in die Hände, als sich der Luftballon bewegt und aufrichtet. Scharla zieht die Flasche raus und stellt sie in das Gefäß mit kaltem Wasser. Der Luftballon sackt in sich zusammen. "Da! Da!" – "Oh!", rufen die Kleinsteins, zeigen auf den Ballon, drücken an ihm herum. "Leer!" Jetzt kann der zweieinhalbjährige Max nicht mehr an sich halten, knetet seine Fingerchen und kommandiert seine Erzieherin rum: "Heiße, heiße. – Dalte, dalte." Heißes Wasser. Kaltes Wasser. Hin und her. Hin und her. Dann wollen alle die Flasche anfassen, Malte wird unruhig, die Erzieherin schickt sie wieder zum Spielen. Versuch beendet. Nix gelernt, aber Spaß gehabt. Baby Lucia hat alles verschlafen.

Drei- bis Sechsjährige würden jetzt lernen, dass das Experiment "Luftballongeist" funktioniert, weil Luft aus vielen kleinen Teilchen besteht, die sich in warmer Luft schneller bewegen als in kalter Luft und sich gegenseitig schubsen. Dass sich warme Luft also ausdehnt und kalte zusammenzieht. Die Kinder könnten kalte Luft spielen, sich dicht zusammendrängen und kaum bewegen. Sie könnten warme Luft spielen und durch den Raum tanzen. Dass sie sich schubsen sollen, steht nicht auf der Karte, die jedes Experiment erklärt. Phänomene wie "Sinken – schwimmen", "Oberflächenspannung", "Luft ist nicht nichts" oder "Entstehung von Kohlenstoffdioxid" sollen anschaulich gemacht werden.

Dass schon Ein- bis Zweijährige einfache physikalische Zusammenhänge begreifen, ist wissenschaftlich erwiesen, sagt Fabienne Becker-Stoll, Leiterin des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München. Bestes Beispiel: Lichtschalter an- und ausknipsen. "Aber so ein Bildungsangebot macht nur Sinn, wenn die Kinder sich aktiv daran beteiligen können. Wenn sie helfen können, ein Experiment aufzubauen."