Wie könnte ich eine einzige Schallplatte hervorheben, wo doch Musik, Vielfalt und Leben Synonyme sind? Und mich alle ein bisschen mit geprägt haben: Hildegard Knef, die Bulgarischen Chöre, Mozart, Iron Butterfly, Dollar Brand, Lucio Battista, Pink Floyd…

Doch, einer war besonders: Freddy Mercury, der Sänger von Queen, mit seiner Stimme so wandlungsfähig, süß und über die Grenzen hinaus kraftvoll, dass sie oft klang, als hätte er seinen frühen Tod geahnt. Wie habe ich brave Sauerländerin den exzentrischen Parsen bewundert für seinen Mut zu Kitsch, Pathos und einer mal machohaften, mal verletzlichen Körperlichkeit in weißen und harlekinbunten Bodystockings; wie mitgegrölt und geweint bei seinen Liedern! He took my breath away. Umso mehr, wenn er Time Waits for Nobody sang, jene Hymne, die passend zum Zeitgeist der achtziger Jahre ein Appell war, die Welt zu retten und zugleich, Time, Time, Time!, jede Sekunde auszukosten. Aber die Freiheit des Great Pretender blieb eine Projektion.

Mein Leben wirklich verändert hat jedoch ein bestimmtes Konzert, das allerdings auf keine Schallplatte gebannt werden durfte – aber genau die Philosophie hinter dieser Verweigerung war ja so folgenreich. Musikalisches Erleben sei unwiederholbar, davon war Sergiu Celibidache überzeugt; der Dirigent fand es deshalb absurd, "Interpretationen" der Einzigartigkeit von Zeit und Raum zu entreißen und auf Vinyl zu standardisieren. Die Intensität des Musizierens, die solcher Verteidigung der Unmittelbarkeit entsprang, hielt mich an jenem Abend bei Prokofjews Skythischer Suite sofort in Bann. Nie zuvor hatte ich dieses wilde Stück so gehört: die barbarischen Ausbrüche, giftigen Geigengesänge und heidnischen Choräle.

Jahrelang war ich danach in fast jedem Konzert, das Celibidache mit seinen Münchner Philharmonikern gab. Auch in den Proben, um zu verstehen, wie es ihm gelang, das Orchester zu derart leisen Pianissimi und großen Bögen zu bringen und die Melodien so klar auszuphrasieren wie eine Bergsilhouette bei Föhn. Was der angebliche "Magier" den Musikern – unter notorischen Ausbrüchen von Zorn und Entzücken – erklärte, hat meine Wahrnehmung für immer verändert, teils auch bei anderen Künsten: Beim Musizieren gebe es keine Zauberei, sagte "Celi", es gebe nur Arbeit. Diese Arbeit bedeutet: aus einer Billion Neins das einzige Ja zu entwickeln. "Musik kann entstehen", Musiker schaffen nur die Voraussetzungen. Eine heißt: Langsamkeit. Über Vielfalt kann man nicht hinwegrasen. Und: Musik konfrontiert uns mit dem Verschwinden. Dem Tod. Im Feiern des Jetzt, Time Waits for Nobody, war Sergiu Celibidache Freddy Mercury durchaus nah.

Der Rumäne hat später doch noch zugelassen, dass Mitschnitte seiner Konzerte vermarktet werden. Deshalb gibt es die Skythische Suite in einer Aufnahme mit dem Stuttgarter Radiosinfornieorchester zu hören.

Jenem ersten Konzertabend verdanke ich aber noch mehr: eine Liebe und Verbindung fürs Leben. Ein Kollege schenkte mir die Konzertkarte, er hatte nur eine. Auf dem Platz neben mir saß dann der Mann, von dem ich schon lange wusste, ohne ihn zu kennen. Mit der Skythischen Suite begann unser Gespräch, es dauert seit 22 Jahren fort.

Sergej Prokofjew: Skythische Suite