Diese Geschichte mit der Kakerlake in der Gruft von Nyamata zu beginnen hieße, die Vergangenheit über die Zukunft und das Grauen über die Hoffnung triumphieren zu lassen. Es würde bedeuten, Ruanda zu jenem Land zu machen, das es nicht mehr sein will: ein Schauplatz der Massenmorde, ein Ort der unheimlichen Stille, an dem Täter und Opfer nebeneinander leben müssen und das Entsetzen nicht schwinden will.

Inyenzi, Kakerlake, das war das Wort der Hutu für die Tutsi. Wie Ungeziefer sollten die Feinde vernichtet werden. Auch diese Kakerlake hier in der Grabkammer kämpft um ihr Leben. Sie versucht, auf den glatten Fliesen hinauf ins Licht zu kriechen. Und rutscht wieder und wieder zurück ins modrige Dunkel, in dem die Gebeine von 10.000 Menschen aufbewahrt werden, die vor 15 Jahren in der Kirche von Nyamata ermordet wurden.

Erzählte man aber allein von diesem Ruanda, würde man das kleine Land im Herzen Afrikas vergessen, das ein Wirtschaftswunder hervorgebracht hat. Und man würde den ungeheuren Willen seiner Bewohner vergessen, die versuchen, die Schrecken der Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Credo Nabayo ist einer dieser Menschen, ein hochgewachsener, schlaksiger Bursche, 18 Jahre alt. Er führt uns durch seine Heimatgemeinde und zeigt uns die Kirche, in deren Regalen auch die Überreste seines Vaters liegen müssen. "Aber wir können nicht dauernd zurückschauen, das lähmt uns", sagt Credo Nabayo. Der junge Mann will einen Handwerksbetrieb aufbauen, und alle Fertigkeiten, die er dazu braucht, lernt er gerade im Nelson Mandela Educational Centre. Die neue Berufsschule, in der 24 Lehrlinge ausgebildet werden, wurde von den Grünhelmen aufgebaut, einer Hilfsorganisation aus Deutschland, und Credo freut sich auf die Einweihungsfeier, die gleich beginnen soll.

Ein paar Tausend Leute aus dem Umland harren seit vielen Stunden in der brütenden Mittagshitze aus, es wird gesungen und getanzt. Rupert Neudeck, der Gründer der Grünhelme, ist aus Deutschland angereist. Er wird gleich eine Rede halten, und Alfred Biolek, der Talkmaster, den er mitgebracht hat, bereitet eine Bohnensuppe für die Ehrengäste zu.

Alle warten auf Paul Kagame, den Präsidenten, der das Zentrum persönlich einweihen wird. Credo bewundert diesen Mann. Denn das, was der Lehrling in seiner kleinen Welt in Ntarama anstrebt, plant der Staatschef in der Hauptstadt Kigali im großen Stil. Seine Regierung hat eine Vision verkündet. 2020 heißt sie. Das ist das Jahr, in dem sie verwirklicht sein soll. Es ist die Vision von einem politisch stabilen und wirtschaftlich prosperierenden Land. Ruanda soll ein Modellstaat werden, der keine fremde Hilfe mehr braucht und sich aus eigener Kraft entwickelt. Allen Bürgern, Hutu und Tutsi, soll es irgendwann so gut gehen, dass sie ihre ethnischen Konflikte überwinden. Kagame will das Leben auf den tausend Hügeln modernisieren, Bildung, Arbeit und Wohlstand bringen und die alltägliche Not besiegen.

Der Staatschef spricht von Frieden, aber die Zuhörer jubeln nicht

Aber hat dieses kleine Land von der Größe Mecklenburg-Vorpommerns überhaupt eine Chance, diese Ziele zu erreichen? Ruanda ist mit knapp neun Millionen Einwohnern dichter besiedelt als jeder andere Staat Afrikas, die landwirtschaftlichen Nutzflächen werden durch den Bevölkerungsdruck immer knapper. In manchen Distrikten sind zu wenig Nahrungsmittel vorhanden, ohne dass jemand wüsste, wie man das ändern könnte. Zugleich ist Ruanda eines der rohstoffärmsten Länder des Kontinents. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf beträgt jährlich 334 Dollar, 60 Prozent der Bewohner Ruandas leben an der Armutsgrenze. Auf dem Human Development Index, der den Entwicklungsstand von Staaten misst, nimmt Ruanda einen der letzten Plätze ein, knapp vor Afghanistan. Aber Ruanda hat einen Präsidenten, der einen Traum verwirklichen will.

Da rollen sie endlich heran, die Regierungsfahrzeuge, eine schwarze Kavalkade, begleitet von Leibwächtern. Aus einem gepanzerten Geländewagen steigt ein großer, hagerer Mann mit einem schmalen Gesicht. Taubengrauer Nadelstreifenanzug, hellblaues Hemd, keine Krawatte. Stramm wie ein Armeegeneral schreitet er in einem Sicherheitsabstand von drei Armlängen die Zuschauergalerie ab. Nicht ein einziges Mal macht er den Versuch, sich der Menge zu nähern. Die Menschen winken – pflichtschuldig, leidenschaftslos. Nicht so, als würde man den Retter und Befreier begrüßen, der 1994 an der Spitze der Rebellentruppe Front Patriotique Rwandais aus Uganda einmarschierte und das Regime der Völkermörder niederschlug.

Paul Kagame tritt ans Rednerpult unter dem Sonnendach. Man merkt schon nach den ersten Worten, dass er kein großer Volksredner ist. Seine Aussagen sind kurz, sie klingen metallisch. Manchmal lässt er am Ende eines Satzes seine Stimme in der Luft schweben, als wolle er noch etwas hinzufügen, wisse aber nicht recht, was. Den Zwischenapplaus nimmt er mit unbewegter Miene entgegen. Eigentlich müssten die Menschen jubeln, denn ihr Staatschef spricht von Frieden und Versöhnung und vom gemeinsamen Wiederaufbau. Aber die Menschen klatschen nur artig. Dicht gedrängt stehen sie jenseits eines zwanzig Meter breiten Cordon sanitaire, Opfer und Täter Seite an Seite. Hinter ihnen sieht man üppige Bananenhaine und grüne Hügel. Paul Kagame wirkt wie ein Fremder im eigenen Land.