Seit dem Ende der Kolonialära in den 1960er Jahren sind schon viele afrikanische Führer mit großen Visionen und besten Vorsätzen aufgebrochen. Die Gründerväter wollten ihre jungen Staaten in eine goldene Zukunft führen und den ganzen Kontinent zu einem gleichberechtigten Akteur auf der weltpolitischen Bühne machen. Die meisten dieser Männer haben ihre Länder heruntergewirtschaftet und sind jämmerlich gescheitert.

Was unterscheidet Paul Kagame, Ruandas Präsidenten, von ihnen? Warum sollte ausgerechnet er, der umstrittene Herrscher eines kleinen, strategisch und wirtschaftlich unbedeutenden Landes, erfolgreich sein?

Die lange Geschichte zerschellter Illusionen spricht eigentlich dagegen. 2008 war wieder einmal ein Jahr der Unruhen und Umstürze in Afrika. Im Februar vergangenen Jahres scheiterte ein Putschversuch im Tschad, und in Kamerun wurde eine Jugendrevolte blutig niedergeschlagen. Im März stürzte eine panafrikanische Interventionstruppe das Sezessionistenregime auf der Komoreninsel Anjouan. Im Juni ließ sich der simbabwische Diktator Robert Mugabe nach einer beispiellosen Terrorkampagne wiederwählen. Im September kam es in Mauretanien zu einem Staatsstreich. Und im Dezember meldete Guinea den "monatlichen Putsch in Afrika", wie eine Tageszeitung sarkastisch kommentierte. Eine Militärjunta riss die Macht an sich; sie wird angeführt von Moussa Dadis Camara, einem Hauptmann, der unter anderem an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg ausgebildet worden war.

Der Vertreibungskrieg im Sudan. Die Selbstzerfleischung Somalias. Das Blutvergießen im Ostkongo. Man muss sich nicht wundern, dass manche Chronisten Afrika als K-Kontinent bezeichnen – K für Kriege und Konflikte, Katastrophen und Krankheiten, Korruption und Kriminalität. Und dennoch ist dieses Urteil vorschnell. Denn es nimmt den gesamten Erdteil als einzige Krisenmasse wahr und verstellt den Blick auf die positiven Entwicklungen in Afrika, auf solide Regierungen, ökonomische Erfolgsgeschichten und demokratische Fortschritte.

Das jüngste Beispiel ist Ghana. Das westafrikanische Land hielt im Januar 2009 friedliche Wahlen ab, es kam zu einem ganz normalen Regierungswechsel wie in jedem europäischen Land.

Der scheidende ghanaische Präsident John Kufuor hat eindrucksvoll bewiesen, dass es auch anders geht. Botsuana, das wirtschaftliche Vorzeigeland Afrikas, wird von Ian Khama umsichtig regiert. In Mali hat sich Präsident Amadou Touré einen Namen als Demokrat und Friedensstifter gemacht. Tansanias Staatschef Jakaya Kikwete, derzeit Vorsitzender der Afrikanischen Union, ist international ein angesehener Staatsmann. In Namibia hat der besonnene Hifikepunye Pohamba den Autokraten Sam Nujoma abgelöst. In Liberia kämpft die resolute Ellen Johnson-Sirleaf um eine bessere Zukunft für die von einem Bürgerkrieg traumatisierten Bürger. In Sierra Leone arbeitet Präsident Ahmad Tejan Kabbah am Wiederaufbau seines zerstörten Landes. Und selbst im scheinbar unregierbaren Nigeria versucht Präsident Umaru Yar’Adua, die Demokratie zu stabilisieren.

Aber das Klischeebild vom Afrika der Gewaltherrscher ist stärker, und Paul Biya in Kamerun, Omar al-Baschir im Sudan oder Robert Mugabe in Simbabwe bestätigen es pausenlos. Hinzu kommen unfähige Staatschefs wie Joseph Kabila im Kongo, dessen Regierungsgewalt nicht weit über die Hauptstadt Kinshasa hinausreicht. Oder Volkstribunen wie Jacob Zuma, gegen den im Augenblick ein Korruptionsverfahren läuft und der mit allen Mitteln Präsident von Südafrika werden will. So lässt sich erklären, warum einem Staatschef wie Paul Kagame, der sich in der Grauzone zwischen Diktatur und Demokratie bewegt, oft tiefes Misstrauen entgegenschlägt. Bartholomäus Grill