Neulich zum Beispiel gab es wieder so eine Situation. Am Flughafen kaufe ich meiner Tochter als Mitbringsel die heiß ersehnte Armbanduhr. Die Farbwahl fällt auf dezentes Dunkelblau. Bei der Gepäckkontrolle überkommen mich erste Zweifel. Warum habe ich nicht Pink oder Gelb genommen, ihre Lieblingsfarben? Kurz vorm Gate kehre ich um und renne zurück zum Uhrengeschäft. Die Uhr, die ich nach Hause bringe, ist mädchenrosa.

Solange meine Kinder klein waren, habe ich über Geschmacksfragen hemmungslos allein entschieden. Inzwischen sind sie fünf Jahre alt und finden nur das schön, was andere Kinder schön finden. Das sind Fußballtrikots bei den Jungen und die Farben Pink, Hellpink und Dunkelpink bei den Mädchen. Jetzt streiten, argumentieren, verhandeln wir.

Wenn mein Sohn das ockerfarbene Polizei-T-Shirt aus Polyester anzieht, auf dem von Handschellen über Handy bis zum Dienstabzeichen alles aufgedruckt ist, was ein Polizist braucht – dann trägt er am nächsten Tag zum Ausgleich den Rollkragenpullover, in dem sich schon erahnen lässt, was für ein existenzialistischer Herzensbrecher der Junge mit 18 sein wird.

Wir arrangieren uns (ist das nicht ohnehin das, was das Kinderhaben wie das Elternhaben ausmacht?). Das Arrangieren ist notwendig, denn unser Geschmack kollidiert ja nicht nur in Kleidungsfragen, sondern auch beim Essen und bei Büchern. Ohne sanften Druck essen Kinder kein Dinkelbrötchen. Genauso wenig ziehen sie Wolf Erlbruchs wunderbar gezeichnetes Bilderbuch über die großen Fragen des Lebens aus dem Regal, wenn Piratenbücher und Prinzessinnengeschichten danebenstehen. Sie tun es, um mir zu gefallen. Oder weil ich darauf bestehe. Meist Letzteres.

Natürlich würde ich jederzeit bestreiten, dass es mir um mütterliche Rechthaberei geht, und vehement mein hehres Motiv verteidigen: Ich möchte meinen Kindern Sinn für Schönheit und Qualität vermitteln, will ihnen Stilbewusstsein mit auf den Weg geben. Aber kann ich das? Lohnt sich das mühsame Gegensteuern? Ist so etwas wie "Stilbildung" in der Kindheit möglich? Können Kinder Geschmack entwickeln, oder verschenken sie ihr Herz grundsätzlich an die grellen, kitschigen, hässlichen Dinge?

Gudrun Schwarz, Professorin für Pädagogische Psychologie an der Universität Gießen, lacht bei der Frage, ob man den Geschmack von Kindern schulen kann, kurz auf. Dann antwortet sie mit einer Gegenfrage: "Wer will seinen Kindern denn so was antun?" Mit der Autorität einer Wissenschaftlerin erklärt mir Frau Schwarz, dass man ein Kind nur dann dazu bekommt, sagen wir, karierte Oberhemden zu mögen, wenn man es in einem karierten Oberhemd in einen Käfig sperrt. Sie erwähnt eine Studie aus Kamerun, in der das Nachahmungsverhalten von Kindern erforscht wurde: In der dortigen Kultur gibt es keine Spielsachen, allenfalls Gebrauchsgegenstände. Weil die Kinder es gewohnt seien, sich etwa mit Löffel oder Kochtopf anstatt mit Würfel oder Ball zu beschäftigen, hätten sie kein Bedürfnis danach.

"Kinder sind geprägt von ihrer Umwelt. Sie wollen das, was ihnen ihr soziales Umfeld nahelegt, also Kindergarten und Schule. Kleidung signalisiert Gruppenzugehörigkeit, und gerade im Vorschulalter, wenn sich die Identität noch festigen muss, stehen Kinder stark unter dem Einfluss anderer Kinder", sagt Frau Schwarz. "In der Pubertät können sie sich dann von der Gruppe entfernen. Geschmack wird als Teil der Identitätssuche wichtig. Der Stil der Eltern bleibt in dieser Zeit Referenz – meistens allerdings, um sich davon abzugrenzen."