In politischer Lichtgeschwindigkeit hat die parlamentarische Realität auch den Charakter der Linken in Niedersachsen verändert. Als "Partisaneneinheit" sah Fraktionschef Manfred Sohn noch vor einem Jahr die Abgeordneten der Linken. Heute rühmt er die bürgerlichen Tugenden der Parlamentarier, nennt sie "bienenfleißig" und diszipliniert. Manfred Sohn fügt sich leicht resigniert ins Unvermeidliche: "Uns geht es eben wie vielen erfolgreichen Partisanen – die ziehen auch in eine reguläre Einheit." Heute verlegt sich die Fraktion vom Partisanenkampf auf den ganz unmilitärischen Agitprop. Kürzlich erschienen die Abgeordneten zum Empfang des israelischen Botschafters im Landtag mit Friedenstauben am Revers.

Lothar Bisky, Gregor Gysi und Oskar Lafontaine können entspannt in das Jahr 2009 gehen. Die schwierigste Hürde Hessen ist genommen. Von jetzt an wird es mutmaßlich noch besser werden. Sieht man von dem kleinen Schönheitsfehler ab, den die Wahl des Bundespräsidenten mit sich bringt. Aber auch die Peinlichkeit eines Kandidaten Peter Sodann wird dem politischen Guthaben der Linken nicht schaden. Lothar Bisky wird als Spitzenkandidat bei den Europawahlen ein ordentliches Ergebnis holen. Im Saarland kann die Linke nur gewinnen oder fulminant siegen, sollte Oskar Lafontaines Partei dort die SPD überflügeln. Für Thüringen gilt das Gleiche. Dort ist wahrscheinlich, dass die Linke stärker wird als die Sozialdemokraten und versuchen könnte, die SPD als Juniorpartner in die Regierung zu zwingen. Und man kann sicher annehmen, dass nach der Wahl am 27. September der nächste deutsche Bundestag eine Linksfraktion haben wird, mit einem Wahlergebnis irgendwo zwischen 7 und 13 Prozent.

Wenn aber die Linke im Westen nicht so einfach von der politischen Bühne verschwinden wird, was heißt das für die anderen Parteien? Was für die Möglichkeit, stabile und handlungsfähige Regierungsbündnisse zu schließen?

Will man eine vernünftige Lehre ziehen aus dem hessischen Wahlergebnis, aus der Etablierung der Linken, muss die zunächst lauten: Populismus hilft nicht gegen Radikalismus. Das gilt für die CDU wie für die SPD. Ein Jürgen Rüttgers wird mit Firmenrettungen und staatsmonopolistischen Krisenantworten die Linken so wenig stoppen wie ein Ottmar Schreiner, der die SPD nach links rücken will.

Der SPD wird, wenn sie je über Koalitionen mit der Linken im Westen nachdenkt, nichts anderes übrig bleiben, als in der Linkspartei normale politische Gegner und Konkurrenten zu sehen. Das heißt zunächst, die Linke emotionslos zu sehen. Denn der Wortbruch und das Scheitern einer Regierungsbildung danach waren auch eine Folge falscher Emotionen. Auf allen Seiten. Bei Andrea Ypsilanti, weil sie aus überzogenem Machtwillen und Eitelkeit blind war für die Bedenken in ihrer Fraktion. Bei Dagmar Metzger, weil sie ihr Nein zu einer rot-roten Kooperation mit (fast) nichts anderem als den Argumenten von 1990, mit Mauer und Stacheldraht, zu begründen wusste. Bei der Linken im Westen, weil sie sich ignorant weigert, für ebendiese Vergangenheit Verantwortung zu übernehmen.

Mitarbeit: Dagmar Rosenfeld