Ganz früher mal, als die Autos noch Weißwandreifen hatten und den Sprit schlabberten wie ein durstiger Hund das Wasser aus dem Napf, gab es in den Zeitungen kleine Anzeigen, in denen zwei Fotos zu sehen waren, darunter stand "Vorher" und "Nachher". Vorher hatte der Mann weit abstehende Ohren, nachher hatte er sie angelegt wie jemand, der Schiss hat. Wurden die Ohren kosmetisch operiert? Egal, es war eine Zeit, in der abstehende Ohren als männlich-ästhetische Katastrophe galten und entsprechend missgestaltete Rekruten zur Marine abkommandiert wurden, wo man sie bei schwachem Wind an Deck aufstellte, um die Segelfläche zu vergrößern. Später dann, als die Beatles kamen, verschwand das Ohrenproblem unter der Pilzfrisur.

Aber jetzt ist alles anders, ab sofort sind abstehende Ohren ein Schönheitsbeweis. Der netteste und mächtigste Mann der Welt hat Ohren, die abstehender gar nicht sein könnten, und er trägt sie mit einem Stolz, der uns Zeitgenossen mit anliegenden Ohren die Schamesröte in ebenjene treibt. "Obama" ist ja ein amerikanisch verballhorntes bayerisches Wort und heißt so viel wie: "Aufgepasst!" Jetzt endlich verstehen wir Walter Benjamins rätselhafte Worte vom "Engel der Geschichte", der niemand anderes ist als Obama, und wir können nur staunen darüber, dass Benjamin diese Präsidentschaft vorausgesehen hat. Er, Benjamin, sagt nämlich, richtig gelesen: "Ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Ohren verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft."

Vorher – nachher: Endlich begreifen wir, was das bedeutet, wie die Zeiten sich ändern. Die Zukunft kommt im Sauseschritt, alle festen, eingerosteten Verhältnisse werden aufgelöst, alles Ständische und Stehende verdampft. Und wer noch eines weiteren Beweises bedarf, hier ist er: Die englische Modeschöpferin Vivienne Westwood, die sich uns dadurch unauslöschlich ins Gedächtnis gegraben hat, dass sie sich 1992 einer begeisterten Modewelt in einem Rock mit nichts darunter präsentierte ("Ich trage schon seit Jahren keinen Slip mehr", sagte sie), Frau Westwood also, auch sie ein Engel der Geschichte, hat kürzlich gesagt, man müsse nicht dauernd neue Klamotten kaufen, sondern dürfe die alten getrost auftragen, "in diesen harten Zeiten". Etwas aufzutragen, was man nicht hat, diese Kunst wollen wir von Vivienne Westwood gerne lernen. Finis