Als José Manuel Barroso vor zwei Monaten in Brüssel den Europäischen Aktionsplan für Energieversorgungssicherheit präsentierte, war das Interesse daran nicht sonderlich groß. Auch der Präsident der EU-Kommission selbst ahnte nicht, in welch kurzer Frist Denken und Fühlen von Millionen Europäern um einen Stoff kreisen sollten, dessen Nachschub normalerweise stets aus der Steckdose kommt oder sich durch einen Dreh am Heizkörperventil beschaffen lässt. Tatsächlich aber war Anfang Januar plötzlich das Selbstverständliche nicht mehr überall selbstverständlich. Der russisch-ukrainische Gasstreit zog 18 Länder in Mitleidenschaft. Seitdem hat das Thema Versorgungssicherheit Hochkonjunktur.

Treibstoffe, Wärme und Strom für die fast 500 Millionen Europäer werden bereits heute zu mehr als der Hälfte aus importierter Energie gewonnen, Tendenz steigend. Besonders rasch wächst nach Lage der Dinge die Nachfrage nach nicht-europäischem Erdgas – unter anderem, weil die Gasförderung in Großbritannien und in den Niederlanden abnimmt, während die Nachfrage steigt. Bereits heute bezieht die EU jeden vierten Kubikmeter der flüchtigen Energie aus Russland, das Gros davon durch ukrainische Leitungen. Wie aber lassen sich Komplikationen aufgrund von Nachschubstörungen aus dieser Quelle begrenzen? Durch mehr Atomkraft oder durch neue Pipelines, durch Terminals für die Anlandung von Flüssiggas oder etwa durch besser gedämmte Häuser?

Ein bisschen Vorsorge für schlechte Zeiten – sprich: vorübergehende Lieferausfälle – bieten Erdgasspeicher. Laut Prognose der europäischen Speicherbetreiber wird sich die Kapazität der unterirdischen Lager bis zum Jahr 2015 in etwa verdoppeln. Allerdings ist die Bevorratung von Gas, anders als die von Öl, bisher nicht vorgeschrieben, und die Neigung zum Bau von Gasspeichern ist nicht in allen EU-Mitgliedsländern gleich ausgeprägt. Akute Engpässe sind deshalb auch in Zukunft nicht auszuschließen. Stützungslieferungen zwischen Ländern könnten Not lindern helfen. Allerdings müssen auch dafür zum Teil erst die technischen Voraussetzungen geschaffen werden. Die deutschen Energieriesen RWE und E.on konnten in der jüngsten Krise immerhin einigen osteuropäischen Ländern aushelfen, natürlich gegen Bares.

Weder europäische Solidarität noch verstärktes Horten von Erdgas ändern allerdings die Gemengelage, die Anfang des Jahres den Gasnachschub zusammenbrechen ließ: Streit zwischen dem Lieferland Russland und dem Transitland Ukraine. Der Konflikt ist inzwischen zwar beigelegt, kann aber jederzeit erneut aufbrechen. Schutz davor böten allenfalls Direktpipelines zwischen Russland und der EU.

Zwei solcher Direktverbindungen werden unter Federführung des russischen Gaskonzerns Gasprom gegenwärtig geplant. Zum einen die mehr als sieben Milliarden Euro teure Ostseepipeline (Nordstream) vom russischen Wyburg nach Greifswald; zum anderen die noch teurere Southstream Pipeline: 900 Kilometer durchs Schwarze Meer von der russischen Hafenstadt Noworossijsk nach Warna in Bulgarien. Laut Erkenntnis der amerikanischen Consultingfirma East European Gas Analysis (EEGA) würde allerdings selbst die Verwirklichung beider Projekte den Transit von russischem Gas durch die Ukraine nicht vollkommen ersetzen.

Obendrein machten beide Röhren Europa von russischem Gas nicht unabhängiger. Selbst wenn es heute keine Zweifel an Russlands Zuverlässigkeit gäbe, ist das keine beruhigende Perspektive. Deshalb treibt ein aus sechs europäischen Energieunternehmen bestehendes Konsortium (darunter RWE) ein Projekt namens Nabucco voran. Es handelt sich dabei um eine 3.300 Kilometer lange Pipeline von Wien in den kaukasischen Raum – an Russland vorbei. Die Entscheidung über die Investition von acht Milliarden Euro soll in diesem Jahr fallen.