13. Januar

Wir spielen das Telefonspiel. Majed nimmt den einen Hörer, ich den anderen. Majed will immer die Rolle meiner Freundin Rana spielen – vielleicht, weil sie und ich unendliche Telefongespräche führen. Sie liefert mir jeden Tag Neuigkeiten über Jerusalem und ich ihr über Gaza. Nun muss ich für einen Augenblick in die Küche. Majed spielt allein weiter. Ich höre, wie er erzählt: "Wenn diese Schießerei endet, werde ich nicht zur Schule gehen." Majed hat sich von Anfang an geweigert, das Wort "Krieg" zu benutzen. Er fährt fort: "Sie schießen auf Schulen und bringen die Kinder um." Ich bin schockiert. Die Kinder dürfen keine Nachrichtensendungen sehen, keiner redet über den Krieg, wenn sie dabei sind. Ich umarme Majed und nehme sein Gesicht in beide Hände: "Hör mir zu, deine Schule ist in Ordnung, und sie wird in Ordnung bleiben."

14. Januar

Mohammed arbeitet in Gaza, aber ich kann ihn meistens nicht direkt erreichen. Ich rufe Rana in Jerusalem an und warte auf der anderen Leitung, während sie mit dem 23-jährigen Dolmetscher telefoniert. Er hilft, Aussagen zu sammeln, in der Hoffnung, dass sie eines Tages vor Gericht verwendet werden. Dann höre ich Rana: "Pass auf dich auf, Mohammed. Gott behüte dich. Gott hilft den Menschen." Sie ist eigentlich nicht gläubig. Auf traurige Weise hat sie nun zurück zu Gott gefunden.

Rana seufzt. Dann gibt sie all die Eindrücke wieder, denen Mohammed sich ausgesetzt hat, als er die Aussagen sammelte. Eine 60-jährige Frau, zwei verletzte junge Männer tragen sie und rennen. Die alte Frau hat ein Bein verloren. Hinter ihnen wird geschossen. Laute Stimmen treiben sie vorwärts und verbieten ihnen, sich umzuschauen, sonst würden sie erschossen. Hunde fressen die Leichen von Menschen, die Tage zuvor umgekommen sind. Von alldem, sagt Mohammed, habe er auch Fotos.

15. Januar

Meine Cousins und Cousinen versammeln sich jeden Tag im Garten, einem drei Meter großen sonnigen Flecken, wo sie sich wärmen können. Jeder hält sich ein Radio ans Ohr. Achmed kaut seine Fingernägel ab. Seine Augen schauen fest auf den Boden. Ich sehe dort nur gelben Sand. Ich schalte mein Radio an, gerade wird die Werbesendung durch das Signal einer Eilmeldung unterbrochen, das allen in Gaza vertraut ist. Die Stimme des Journalisten zittert: "Israelische Panzer beschießen in diesem Augenblick das Krankenhaus des Roten Kreuzes mit Phosphorbomben." Jetzt sehe ich, was Achmed sah.