Ein internationaler Proteststurm erfasste in der ersten Januarhälfte 48 Meereswissenschaftler an Bord des deutschen Forschungseisbrechers Polarstern. Umweltschützer warnten, rücksichtslose Klimaingenieure wollten den Ozean großflächig mit Eisen düngen. Riesige Algenmengen sollten Kohlendioxid (CO₂) aus dem Oberflächenwasser binden und das Treibhausgas am Tiefseeboden abladen, wenn die abgestorbenen Algen hinabrieselten. Ausgerechnet die Deutschen, unter deren Vorsitz im vergangenen Jahr die weltweite Ächtung solcher Klimadesignprojekte erfolgte, missachteten nun ebendieses Moratorium.

Der Protest veranlasste das Bundesministerium für Umwelt (BMU) zu einem Eilbrief an das für die Polarstern zuständige Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Das Projekt sei "unverzüglich" zu stoppen, es untergrabe "Deutschlands Glaubwürdigkeit und Vorreiterrolle" im Umweltschutz. Das Moratorium gestatte nur eine Ausnahme: "kleinmaßstäbliche wissenschaftliche Forschungsstudien innerhalb von Küstengewässern".

Die Polarforscher kontern: Das Moratorium verbiete zu Recht kommerzielle Ozeandüngung "im großen Maßstab", wegen unabsehbarer ökologischer Folgen. Um die Wissenslücken zu ergänzen, fordere das Abkommen jedoch auch Grundlagenforschung – die habe man "kleinskalig" vor. Nun ist die Frage: Was ist groß, was klein?

Bei dem von einigen Firmen geplanten CO₂-Handel sollten Tausende Tonnen Eisen auf gigantischen Meeresflächen ausgebracht werden. Die Polarstern-Besatzung dagegen will mit lediglich sechs Tonnen Eisen einen Meereswirbel vor Südgeorgien düngen – das kann man kaum großskalig nennen. Und dass das Zielgebiet etwa 200 Kilometer vor der Küste liegt, ist aus Sicht der Wissenschaftler notwendig, weil küstennähere Gewässer ohnehin viel vom Land eingeschwemmtes Eisen enthalten. Dort zu forschen ist sinnlos.

Um den Disput zu versachlichen, sollen nun im Auftrag des BMBF drei unabhängige Forschungsinstitute klären, ob die vorläufig gestoppte Polarstern-Studie negative ökologische Folgen haben könnte. Wohl kaum. Im Südatlantik driften häufig Eisberge und düngen mit ihrer Schmutzfracht Hunderttausende Quadratkilometer Meer mit Eisen, ohne das Ökosystem zu beeinträchtigen. Auch Seerechtsexperten sehen keinen Verstoß gegen das Moratorium. Somit bleibt vor allem ein politischer Konflikt. Das BMU, für die internationale Überwachung des Moratoriums zuständig, muss alle Klagen sorgfältig prüfen. Aber es sollte auch aufklären, etwa über die komplexen Verhältnisse der Meeresbiologie.

Vieles spricht dafür, dass Algenteppiche algenfressende Mikroben und Kleintiere anlocken. Der Expeditionsleiter der Polarstern, Victor Smetacek, vermutet, dass Krillschwärme und Wale das Recycling von Nährstoffen und Eisen fördern, das sichert ihre Lebensbasis. Falls sich dies erhärtet, wäre kommerzielle Eisendüngung in großen Teilen des Südpolarmeers sinnlos: Es würde kein CO₂ verschwinden, weil die Algen nicht absinken, sondern oben gefressen werden. Das Moratorium wäre wissenschaftlich gestützt.

Die Protestaktion riskiert also, ihre eigenen Ziele zu torpedieren.