Kaiser Wilhelm II. war die – nach Hitler – größte Unheilsfigur der jüngeren deutschen Geschichte. Wer daran noch zweifeln mochte, den dürfte der im vergangenen Herbst erschienene dritte Band der monumentalen Biografie des englischen Historikers John Röhl eines Besseren belehrt haben. Darin wird anhand eines überwältigenden Quellenmaterials geschildert, wie Wilhelm, von unverantwortlichen Ratgebern bestärkt, das Deutsche Reich in die Katastrophe des Ersten Weltkriegs führte und wie er nach Niederlage und Abdankung 1918 sich in paranoide antisemitische Verschwörungstheorien flüchtete.

Am 27. Januar jährt sich der 150. Geburtstag des letzten deutschen Kaisers. Es war vorauszusehen, dass die Freunde der Hohenzollern dieses Jubiläum nicht verstreichen lassen würden, ohne gegen Röhls Deutung mobilzumachen. Bereits vor einigen Jahren hatte der (mittlerweile verstorbene) Berliner Kultursoziologe Nicolaus Sombart den Versuch unternommen, Wilhelm aus der "Geiselhaft" der kritischen Historiker zu befreien, die ihm, wie er klagte, "immer nur den Prozess gemacht" hätten.

Daran knüpft nun der Historiker und Publizist Eberhard Straub in seinem neuen Buch Kaiser Wilhelm II. in der Politik seiner Zeit (Landt Verlag) entschlossen an. Wie Sombart bedient er sich eines einfachen Umkehrverfahrens. Alles, was Röhl an negativen Merkmalen von Persönlichkeit und Herrschaft Wilhelms herausgearbeitet hat, wird nun ins Positive gewendet: Aus dem taktlosen Großmaul, der mit seinen rhetorischen Entgleisungen die Welt ein ums andere Mal schockierte, wird ein bestrickender Charmeur und "hellwacher Redner"; aus dem Verächter des Parlaments und der Parteien, der den Reichstag als "Reichsaffenhaus" verunglimpfte, "der Demokrat auf dem Thron"; aus dem Verfechter einer aggressiven Welt- und Flottenpolitik "Wilhelm der Friedfertige". Kurzum, "ein glänzendes Individuum des Fin de Siècle", auch im Exil kein fanatischer Antisemit, sondern ein "liebenswerter Aristokrat".

Gewiss, man kann Wilhelm II. nicht allein für alle Fehlentwicklungen der deutschen Politik seit Bismarcks Sturz 1890 verantwortlich machen. In vielen, gerade den modernen Zügen, war er ein Repräsentant des nervösen Zeitalters, dem er den Namen gab. Dass man sich ihm unbefangen, jenseits von Dämonisierung oder Heroisierung nähern kann, hat der englische Historiker Christopher Clark in seinem jetzt bei der DVA auf Deutsch erschienenen Porträt eindrucksvoll demonstriert. Clark bezeugt seinem Kollegen Röhl viel Respekt, hebt aber die Grenzen hervor, die dem "persönlichen Regiment" des Monarchen im komplexen politischen System des Reiches gezogen waren.

Doch den deutschen Lobrednern des Hohenzollern geht es nicht um Differenzierung, sondern um Rehabilitierung. Sie wollen mit Wilhelm zugleich die wilhelminische Ära als, wie Straub schreibt, eine der "großartigsten Epochen in der neueren deutschen Geschichte" in verklärendes Licht rücken. Der neue, unreflektierte Nationalstolz, den Franziska Augstein jüngst in der Süddeutschen Zeitung als Signatur des deutschen Erinnerungs- und Gedenkjahres 2009 bespöttelte – hier zeigt er sich am augenfälligsten. Volker Ullrich