Am 19. Januar 1919 durften Frauen zum ersten Mal in Deutschland wählen. Aus Anlass des Jubiläums lädt Angela Merkel, die sich nur zögerlich in die Geschichte der Emanzipationsbewegung einreiht, am Montag nächster Woche Politikerinnen und Journalistinnen ins Kanzleramt ein. Alice Schwarzer liest aus dem Buch Damenwahl. Vom Kampf um das Frauenwahlrecht bis zur ersten Kanzlerin , das sie mit herausgegeben hat. Die Bundeskanzlerin schrieb das Vorwort. Merkel wurde jahrelang als "Kohls Mädchen" tituliert. Bundeskanzler Helmut Kohl hatte sie entdeckt und 1991 überraschend zur Frauenministerin gemacht. Als sie schließlich ins Kanzleramt einzog, schienen viele Medien ihre Kompetenz an ihrer Frisur und ihren Hosenanzügen zu bemessen.

Für das Wahlrecht kämpften die Frauen jahrzehntelang. Zu den führenden Figuren der Bewegung in Deutschland zählten Anita Augspurg (Foto links), deren Lebensgefährtin, die Pazifistin und Publizistin Lida Gustava Heymann (Foto rechts), und die Schriftstellerin Hedwig Dohm, die 1873 erstmals öffentlich das Wahlrecht für Frauen forderte. Als 1902 in Washington ein internationaler Frauenkongress stattfand, konnten deutsche Frauen nicht teilnehmen, denn sie durften sich nicht einmal als Verein organisieren.

Weil Hamburg nicht ausdrücklich Frauenvereine verbot, meldete die Juristin Anita Augspurg dort 1902 den ersten Deutschen Verein für Frauenstimmrecht an. Ein Vorstoß, für den ihre Mitstreiterinnen und sie als "Hysterikerinnen" beschimpft wurden. Zwei Jahre später wurde in Berlin der Weltbund für Frauenstimmrecht gegründet (Foto links), zwölf Länder traten bei. Anita Augspurg wurde stellvertretende Vorsitzende.

In Ländern wie England radikalisierte sich die Bewegung der Suffragetten: Hunderttausende demonstrierten, manche warfen Schaufenster ein und attackierten Politiker mit Pfeffer. Die deutschen Aktivistinnen nahmen sich daran ein Beispiel: Bei den Reichstagswahlen 1912 demonstrierten sie gegen ihren Ausschluss, vergeblich.

Einen Tag nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, im November 1918, wurde den Frauen in Deutschland schließlich das Stimmrecht zugestanden. Als die Sozialdemokratin Marie Juchacz (Foto links) 1919 als erste Frau in einem deutschen Parlament die 41 weiblichen und 382 männlichen Abgeordneten mit "Meine Damen und Herren" ansprach, brachen einige Männer in Gelächter aus.

196 Frauen, ein knappes Drittel der insgesamt 612 Abgeordneten, sitzen heute im Bundestag.

kl. Fotos: akg-images; Haeckel/ullstein; picture-alliance/dpa; Interfoto (v.li.n.re.)