Thomas Ostermeier, der Intendant der Berliner Schaubühne, inszeniert gern Ibsen – und zwar in so einheitlich kühlen Kulissen, dass diese Inszenierungen aussehen, als gehörten sie zu einer einzigen Ostermeier/Ibsen-Gesamtausgabe. Nora, Hedda Gabler, Baumeister Solness (in Wien), nun John Gabriel Borkmann: Sie spielen in Räumen, die sich der Leere nähern. Das Vakuum ist die Kraft hinter ihnen. Man spürt die Helligkeit eines ausgeräumten Himmels. Und die Dialoge sind fahl, durchscheinend von tausendfacher Wiederholung – wie Seilwerk, bevor es reißt. Ostermeier inspiziert in seinen Ibsen-Inszenierungen einen Schlüsselmoment der Dramatik: den Moment, da der Dialog Vollendung erreichte – und wirkungslos wurde.

Den John Gabriel Borkmann, einen betrügerischen Bankier, der nach Jahren im Gefängnis nun einsam, verbittert, uneinsichtig im oberen Stockwerk des Hauses seiner Schwester auf und ab geht und auf Rehabilitation und späten Triumph wartet, spielt in Berlin Josef Bierbichler. Er ist der richtige Mann. Bei Bierbichler ist der Groll, den er seiner Figur gibt, unlösbar von dem Groll, der ihn selbst beherrscht. Dieser Schauspieler wirkt immer so, als sei ihm sein Beruf peinlich, als wolle er mit all dem Fremdtext-Theater endlich aufhören.

Bierbichlers Unwille am Spiel schlägt durch jede Figur hindurch, sie grundiert auch diesen Abend. Bierbichler agiert in völligem Gegensatz zu einem anderen Wucht- und Großschauspieler seines Formats, dem verstorbenen Ulrich Wildgruber. Auch dem waren seine Rollen zu klein. Aber während Wildgruber jede Rolle wie einen Käfig anhob und mit sich nahm, tanzend und leichten Fußes, trägt Bierbichler seine Rollen wie Overalls, wie zerschlissene Arbeitskleidung, und er tut es mit der grimmigen Autorität dessen, der darin unzählige Sonderschichten geschoben hat. Das Verblüffende ist, dass man ihm gebannt zusieht: Das Publikum ist gern allein mit Bierbichler. Es steht ihm im Alleinsein bei. Und er schafft es, seine eigene Einsamkeit auf viele zu übertragen.

Die Schritte des Mannes in seinem Dachquartier dringen malmend nach unten ins Erdgeschoss, wo sich die Zwillingsschwestern Gunhild (Kirsten Dene) und Ella (Angela Winkler) von der Schlacht erholen, die sie einander ein Leben lang geliefert haben. Gunhild bekam Borkmann als Mann, aber Ella hatte seine Liebe; Gunhild hat einen Sohn von Borkmann, aber Ella versorgte diesen Sohn. Dass Borkmann Ella geliebt hat, im Rahmen seiner Möglichkeiten, erkennt man daran, dass er einst ihr Vermögen verschont hat. Ganz leis sagt er ihr das, es ist die größte Nähe, die Borkmann kennt: das zarte Gespräch über das Geld eines anderen Menschen…

Ostermeiers Inszenierung verzichtet auf alle Kommentare zur aktuellen Krise. Bierbichlers Borkmann wird sie eh überleben. Er ist rein in seinem Machtanspruch, ein König in seinem Groll. Er bezieht alles, was im Hause und in der Welt geschieht, auf sich, und er hört das Erz in der Erde singen, das von ihm geborgen werden will. Dieser Borkmann macht auf die auffälligste, allerwuchtigste Weise kein Theater um sich. Er ist der Baum, in dem die anderen nur nisten, die Weltschildkröte, die den ganzen Bau trägt – unansprechbar und unbeirrbar.

John Gabriel Borkmann, der Mann des großen Geldes, erscheint in dieser Inszenierung nicht als Täter; er offenbart sich, und das wirkt viel tiefer, in seiner ganzen Unschuld.