Welcher andere Präsident als Barack Obama könnte diese Worte sprechen?

Die Geschichte Amerikas "ist die Geschichte einer Sklavenhaltergesellschaft, die eine Dienerin der Freiheit wurde".

"Amerika ist nie vereinigt worden durch Blut oder Boden oder Geburt. Wir sind verbunden durch Ideale, die uns über unsere Herkunft hinaus tragen."

"Und jeder Einwanderer, indem er diese Ideale zu seinen macht, macht unser Land mehr und nicht weniger amerikanisch."

Diese Worte stammen nicht von Barack Obama, sondern von George W. Bush. Worte sind verführerisch, Worte sind trügerisch.

Gibt es einen überragenden Satz von Barack Obama zu seinem Antritt als 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika? Ja, es gibt einen wirklich großen und – das ist die Überraschung – unspektakulären Satz. Groß ist er nicht, weil er vor allem der Form nach erhebend wäre, sondern weil der Inhalt stark ist. Damit hat Obama einen Sieg über seinen größten Gegner errungen: die eigene Eitelkeit. Oft genug ist ihm in seinem steilen wie kurzen Aufstieg vom Senator zum Präsidenten der Mund übergeflossen vor blumigen Formulierungen. Am wichtigsten Tag seines Lebens hat der Präsident Obama das Grundgesetz der Rhetorik beherzigt, gegen das der Kandidat gelegentlich verstieß: Eine Rede ist nur so groß wie die Politik, der sie dient.

Ist Amerika auch nach vier Jahren Obama noch ein kindischer Koloss?

"Wir bleiben eine junge Nation, aber – in den Worten der Heiligen Schrift – die Zeit ist gekommen, um alles Kindische abzulegen." Amerika muss erwachsen werden, ohne darüber alt auszusehen – das ist die Botschaft des neuen Präsidenten an sein Land. Und wie um die Bedeutung des Satzes für sein Programm herauszustellen, beruft sich der Redner an dieser Stelle auf das einzige Wort, dessen Autorität noch gewichtiger ist als das eines US-Präsidenten, das Wort Gottes. "Wir bleiben eine junge Nation, aber die Zeit ist gekommen, um alles Kindische abzulegen." In dieser Botschaft enthalten ist eine fast brutale Analyse des gegenwärtigen Zustands der USA (kindisch!), es ist der Anspruch seiner Präsidentschaft auf Erneuerung formuliert, und es wird die Schwierigkeit anerkannt, die in der Ambition steckt, ein 300-Millionen-Volk auf den Weg zu mehr Reife zu führen. Nicht zuletzt aber enthält der Gedanke ein Risiko, das Präsidenten bei ihrer Inauguration für gewöhnlich scheuen: Es benennt einen Maßstab für den Erfolg der kommenden vier Jahre. Ist Amerika am Ende von Obamas Amtszeit immer noch der kindische Koloss, verstrickt in geistige Beschränkungen, innere Zwistigkeiten und äußeren Hader, dann ist der 44. Präsident der USA nach seinem eigenen Maßstab gescheitert.