DIE ZEIT: Herr Schmid, in New York musste in der vergangenen Woche ein Flugzeug auf dem Hudson River notlanden. Offenbar hatten sich Vögel in seinem Triebwerk verfangen. Sie selbst sollen solche Unfälle auf dem Stuttgarter Flughafen verhindern. Warum ist es denn so riskant, wenn ein Vogel mit einem Jet kollidiert?

HANS-PETER SCHMID: Es ist ja gar nicht jeder Zusammenprall gefährlich. Ein Star im Triebwerk ist kein Problem, auch 20 Stare nicht. Wohl aber ein ganzer Schwarm. Es kommt auf die Biomasse an. Es ist kein Zufall, dass der Zusammenstoß in New York, also in Küstennähe, passiert ist. Wasservögel sind oft groß und schwer.

ZEIT: Und was geschieht mit einem Triebwerk, wenn sich dort Tiere verfangen?

SCHMID: Die Schaufeln im Innern verbiegen sich oder die Düsen verstopfen. Neulich ist bei uns eine Militärmaschine notgelandet. Der Pilot sagte: Das Flugzeug rumpelt wie eine alte Kaffeemaschine. Ein Bussard war ins Triebwerk geflogen, die Mechanik lief nicht mehr rund.

ZEIT: Warum baut man Flugzeuge nicht so, dass ihnen kein Vogel etwas anhaben kann?

Gänse sind groß und schwer und können deshalb zur ernsten Gefahr für die Luftfahrt werden © Win McNamee/Getty Images

SCHMID: Jedes Triebwerk, das auf den Markt kommt, wird vorher geprüft. Die Tester werfen tote Hühner hinein. Eine gewisse Menge Vogel muss ein Triebwerk verkraften. Aber absolute Sicherheit gibt es nicht. Deshalb ist unsere Arbeit ja so wichtig: Wir tun alles, um Vögel vom Flughafen fernzuhalten.

ZEIT: Wie gehen Sie dabei vor?

SCHMID: Wir spannen Helfer ein. Füchse zum Beispiel. Sie vergrämen Wiesenbrüter wie Rebhühner und Kiebitze. Die stehen unter Artenschutz, man darf sie nicht jagen. Ein Fuchs aber isst gern mal ein Rebhühnchen. Das schreckt ab.

ZEIT: Wie bekomme ich einen Fuchs dazu, sich ausgerechnet am Flughafen niederzulassen?

SCHMID: Wir haben fünf künstliche Fuchsbauten angelegt. Das sind Betonröhren, die wir in die Erde eingegraben haben. Ihr Ausgang weist nach Südosten. So scheint morgens die Sonne herein. Mit einer Nordlage können Sie einem Fuchs nicht kommen, der hat es gerne gemütlich. Die Mühe hat sich gelohnt. Nach ein paar Wochen waren die Bauten belegt. Unser Geschäftsführer sagt: Die Füchse sind unsere besten Mitarbeiter. Die kosten nicht mal Geld.

ZEIT: Manche Flughäfen setzen abgerichtete Falken oder Bussarde ein, um andere Vögel zu vertreiben.

SCHMID: Davon halte ich nicht viel. Bei einem kleinen Regionalflughafen mag das klappen. Hier aber startet alle zwei, drei Minuten ein Flugzeug. Da wäre mir das zu gefährlich. Es könnte ja sein, dass der Falke mal einen Schlenker in Richtung Flugzeuge macht. Dann wird er selbst zum Problem. Sinnvoller ist es, Hunde loszuschicken. Die US-Armee etwa setzt auf Luftwaffenstützpunkten am Meer gerne Border Collies ein. Vögel sehen Hunde als Feinde an, sie drehen ab, wenn sie sie sehen. Im Jahr 2000 gab es Versuche mit Hunden auf den Flughäfen von Hannover, Bremen und Hamburg. Das hat prima funktioniert. Aber die Hunde sind sehr teuer. Ein abgerichteter Border Collie kostet 15000 bis 20000 Euro.

ZEIT: Warum kann ich nicht einfach einen Hund aus der örtlichen Hundeschule über den Flugplatz schicken?

SCHMID: Der Hund muss in jeder Situation perfekt gehorchen. Er darf erst dann losrennen, wenn sein Herrchen pfeift. Er soll den Vogel vertreiben und sofort zurückkommen. Sonst stürzt er womöglich los, wenn gerade eine Maschine startet. Es ist kein Zufall, dass man auf Flughäfen Border Collies einsetzt: Die sind besonders klug und gelehrig.

ZEIT: Täte es nicht auch eine Schreckschusspistole?

SCHMID: Das bringt schon was. Alle unsere Mitarbeiter tragen Schreckschusspistolen. Leider gewöhnen die Vögel sich daran. Irgendwann können Sie ballern und ballern, und keiner reagiert. Deshalb setzen wir diese Waffe nur in Notfällen ein.

ZEIT: Gibt es keine einfachen Methoden, Vögeln das Leben am Flughafen zu verleiden?

SCHMID: Doch. Ein wirksames Mittel ist ganz simpel: Das Gras kniehoch stehen lassen. Krähen etwa lieben raspelkurzen Rasen. Da kommen sie wunderbar an die Insekten ran. Ins hohe Gras aber geht kein Vogel gern, da sieht er seine Feinde nicht. Wir in Stuttgart geben dem Rasen einen Irokesenschnitt. Wir schneiden eine Bahn und lassen daneben das Gras stehen. Die Insekten suchen dann Deckung und kriechen in den ungemähten Teil. Und prompt bleiben auch viele Vögel weg.

ZEIT: Was ist mit Vögeln, die keine Insekten fressen?

SCHMID: Wir passen auf, dass keine Regenwürmer herumliegen. Wenn es so richtig schüttet, kriechen die ja massenweise aus dem Boden. Und dann kommen die Möwen vom Neckartal herauf und machen eine Fressparty. Mittlerweile aber beugen wir vor. Wenn es geregnet hat, schicken wir eine spezielle Kehrmaschine los. Sie hat einen zweieinhalb Meter langen Saugschacht. Mit 40 Stundenkilometern fährt sie über die Landebahn und sammelt alle Würmer auf. Wichtig ist auch, dass es nicht zu viele Mäuse gibt. Denn die locken Greifvögel an. Einmal pro Woche treten wir auf einem Planquadrat alle Mäuselöcher zu. Dann warten wir zwei Tage und zählen, wie viele neue Löcher es gibt. So können wir auf die Zahl der Mäuse rückschließen. Sind es zu viele, legen wir Köder aus.

ZEIT: Und so schaffen Sie es, dass kaum ein Vogel mehr gegen ein Flugzeug prallt?

SCHMID: Wir haben hier in Stuttgart nur 2,5 Zusammenstöße pro 10.000 Flüge. Das ist ein Spitzenwert. Und ein richtiges Unglück ist hier noch nie passiert.

Interview: Cosima Schmitt