Es nicht leicht, in einer Welt zu bestehen oder sie auch nur auszuhalten, in der das Klügste, das man sich denken kann, mit dem Dümmsten, das seit Menschengedenken vorstellbar ist, ohne Weiteres koexistiert. Ich rede einerseits von der Sendung Ich bin ein Star – Holt mich hier raus, und ich gehöre zu den säuerlich pessimistischen Leuten, die die Dschungelshow für ein politisches Statement halten: Jedes politische System benötigt einzelne Leute, die in ihrer Entwürdigung freiwillig vorangehen, damit ein Publikum geschaffen wird, das sich auch dann nichts draus macht, wenn die Entwürdigung massenhaft und unter Zwang geschieht.

Andererseits rede ich von J. M. Coetzee: Elisabeth Costello; Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 2006; 285 S., 9,95 €. In dem Buch geht es eben um die Abgründe und daher auch darum, was den Menschen angemessen ist, was sich als humanitär empfinden und vor allem sagen lässt. Elisabeth Costello, eine ausgedachte Figur, ist eine weltberühmte Schriftstellerin. Der Leser trifft sie in dem Buch und hört ihr zu, wie sie Vorträge über ethische Fragen hält, die einen hohen Grad von Unentscheidbarkeit haben. Die Unentscheidbarkeit macht die menschliche Freiheit aus, es gibt keinen Zwang, auch keinen der Logik, zu dieser oder jener Entscheidung. Man entscheidet sich dann so, wie man ist. Ich meine das im Sinne von Fichte, der – in meinen Augen – der Existenzialist unter den deutschen Idealisten war. "Was für eine Philosophie man wähle", sagte Fichte, "hängt sonach davon ab, was für ein Mensch man ist."

Dies ist der Aspekt, auf den ich aufmerksam machen möchte: Die Menschen haben eine Reihe von monologischen Formen entwickelt, durch die sie ihre Überlegungen zum Besten geben. Elisabeth Costello hält Vorträge. Der Autor Coetzee hat sie zum großen Teil in seinem Buch publiziert. Aber er hat auch diese monologischen Überzeugungen relativiert, indem er die Schriftstellerin von anderen beobachten lässt, und zwar von Personen, die ihr nahestehen, ja, die ohne sie nicht geworden wären, was sie sind.

Die Schwiegertochter zum Beispiel kann die Schriftstellerin nicht leiden; ihre bösen Bemerkungen zum Vortrag lassen diesen gleich anders erscheinen. Noch schlimmer der Sohn, er erwirkt für sich einen Beischlaf, von dem er genau weiß, dass er in den Genuss dieses Privilegs nur kommen konnte, weil er der Sohn einer berühmten Mutter ist. Und schon sieht die geistige Welt, in der man Vorträge hält, ganz anders aus.

Das heißt: Elisabeth Costello erzählt, dass unsere Monologe keinen Bestand haben. Sie werden in den Interaktionen, die sie begleiten, ständig "dekonstruiert". Das gilt auch für die These der Tierschützerin Costello: Eine Gesellschaft, in der Tiere in Massen geschlachtet werden, ist sie nicht anfällig für die ewige Wiederkehr des Holocaust?

Taschenbuch

Nächste Woche erscheint an dieser Stelle "Stillleben mit Buch" von Rolf Vollmann