"Ein Faltenwurf sollte weder zu schlicht noch zu wirr sein, sondern so, dass er real erscheint"

Lässig Falten zeichnen, darin übten sich die Renaissancekünstler. Eine dieser Studien wird jetzt in New York versteigert

Studie eines Faltenwurfs von Lorenzo di Credi, 15./16. Jahrhundert

Wie wirft man richtig Falten? Das war eine der größten Herausforderungen für alle, die im Florenz des 15. und 16. Jahrhunderts Künstler werden wollten. Hier zeigte sich ihr Talent: Die gemalten, gemeißelten oder gezeichneten Falten in der Kleidung der Dargestellten mussten realistisch wirken, so plastisch wie ein Gebirge und dabei so leicht wie die Wolken an einem durchsonnten Sommertag. Eine richtig geworfene Falte ist der Inbegriff der sprezzatura, jenes Lebensgefühls unangestrengter Anmut, das in der Renaissance zum Ideal wurde.

Und so übten sich damals die jungen Künstler mit Zeichnungen wie jener, die jetzt am 29.Januar bei den New Yorker Altmeister-Auktionen von Christie’s versteigert wird. Was ist das für ein gefaltetes Tuch? Ein zerwühltes Bettlaken? Nein, es verhüllt die Beine einer Person, die wahrscheinlich auf einem hohen Stuhl, einer Stufe oder Ähnlichem sitzt. Auch wenn von dieser Person kein Fuß, keine Hand zu sehen ist, die Position der Knie ist unter dem Gewand klar auszumachen, zwischen den leger geöffneten Beinen bildet sich ein Tal mit drei großen Faltenterrassen.

Das bezaubernd schlichte Blatt ist auf bis zu 180000 Dollar geschätzt, was auch an dem berühmten Vorbesitzer liegen mag: Giorgio Vasari, Maler, Architekt und Schriftsteller, der mit seinen Künstlerbiografien einen Grundstein für die Kunstgeschichtsschreibung legte, hatte die Zeichnung in seine Sammlung aufgenommen und mit einem dekorativen Rahmen versehen. Für Vasari war sie wohl vorbildlich für die Studien, die man als Student der Künste anzufertigen hatte. Der Faltenzeichner solle sich am besten an antiken Statuen üben, schrieb er in seiner Einführung in die Künste der Architektur, Bildhauerei und Malerei. Weil, so der weise Vasari, die Skulpturen im Gegensatz zum lebenden Objekt stillhielten.

Die Zeichnung, das vermuten die Experten von Christie’s, stammt wohl aus dem Kreis des Lorenzo di Credi (1459 bis 1537). Der hatte das Faltenzeichnen zusammen mit Leonardo da Vinci bei Verrocchio gelernt – allen dreien hat Vasari Biografien gewidmet. Als Maler hat es Vasari selbst übrigens nie zum Großmeister der Falte geschafft. Auf seinem Fresko im Dom von Florenz legte er dem Jesus ein Gewand um die Schultern, das fladig wie Pizzateig fällt. Tobias Timm