Selten meint die Literatur das, was sie sagt. Diese Unbequemlichkeit gilt für alle Gedichte, Geschichten und Romane. Sie gilt sogar für die Bibel. Das macht das Lesen oft anstrengend. Autoren, die Mitleid mit ihren Lesern haben, versuchen deshalb das Gemeinte so weit wie möglich im Gesagten unterzubringen. Sie schreiben nicht: "Sah ein Knab’ ein Röslein stehen". Sie schreiben: "Schließlich fing er an zu onanieren. Das war jetzt seit fast zwanzig Jahren sein Patentrezept gegen Langeweile." Bei diesem Manöver entsteht schlechte Literatur. Sie ist leserfreundlich, aber langweilig. Denn unausrottbar ist das nicht Gesagte oder nur halb Gesagte trotz der Mühe, die es dem Leser bereitet, aufregender als das Gesagte.

Der 1967 in Bad Nauheim geborene und in Frankfurt am Main lebende Schriftsteller Andreas Maier hat sich in seinen bisher vier Romanen darauf spezialisiert, den Abgrund zwischen dem Gesagten und dem Gemeinten zu bewirtschaften. Er macht das sehr virtuos. So virtuos, dass einem in seinem jüngsten Roman Sanssouci der Kopf schwirrt. Ähnlich wie in Maiers erstem Roman Wäldchestag geht es um einen Toten, von dem man nicht viel weiß. Er heißt Max Hornung und ist der Regisseur einer Vorabendserie, die in Potsdam spielt. Er ist das leere Zentrum des Romans, der – wie einmal nebenbei bemerkt wird – der Poetologie von Wilhelm Raabes Stopfkuchen folgen soll: "Das, was erzählt wird, wird gar nicht erzählt, und gerade dadurch wird es erzählt."

In der Theologie, für die sich Andreas Maier, wie man seit seinen Poetikvorlesungen weiß, besonders interessiert, heißt eine solche Kraft, die alles hervorbringt und selbst unsichtbar ist, deus absconditus, der verborgene Gott. Um den verborgenen Hornung herum kreisen in einer undurchschaubaren Schleuderbewegung die Romanfiguren, die wenig miteinander zu tun haben, aber alle Bekannte und Freunde des unbekannten Toten sind. Alleinerziehende Biomütter, delirierende Trinker, fanatische Vegetarier, verwahrloste Jugendliche und – die Lichtgestalt inmitten dieses Gelichters – ein orthodoxer Mönch. Die meisten sind sehr mitgenommen, um nicht zu sagen tief verzweifelt. Andere leben wie Tiere auf freier Wildbahn. Die wenigsten verstehen, was geschieht. Ein Seelenleben im bürgerlichen Sinn des Wortes kann man ihnen nicht nachsagen.

Die geistige und sprachliche Beschränktheit seines Personals, seit Langem ein Markenzeichen des dem Neuen Testament tief zugeneigten Autors Maier, stößt bei einigen Lesern und Kritikern inzwischen auf Unmut. Es wird beklagt, dass Selbstreflexion und Vokabular dieser Provinzler über den Horizont einer Fernsehserie kaum hinausreichen. Es wird vermutet, dass die Armen im Geiste, denen der Autor sich schutzlos ausliefert, der Armut seiner schriftstellerischen Begabung entsprechen. Dieser verwöhnte Unmut ist verständlich. Man kann den Lasset-die-Kindlein-zu-mir-kommen-Gestus des Romanciers Maier auf den ersten Blick einfältig finden. Auf den zweiten Blick jedoch ist er von großer Traurigkeit begleitet.

Das ist nicht leicht zu erkennen. Denn ähnlich wie der Regisseur Hornung fehlt in diesem Buch auch der Autor Maier. Er ist beinahe unsichtbar und vollständig in der Perspektive seiner Figuren verschwunden. Das mag christliche Demut sein, ist aber auch eine Technik, die das hilflose Dem-Leben-ausgeliefert-Sein, das Herumgeschleudert-Werden und selige Verblöden seiner Figuren schmerzlich nackt, ohne das glänzende Einwickelpapier der literarischen Überlegenheit sichtbar macht.

Das ist eine komplizierte, vielleicht zu komplizierte Erzählhaltung. Dem Autor geht es wie dem Herrgott auf Erden. Er ist auf seinen Romanseiten einerseits abwesend, anderseits überall vorhanden. Besonders vorhanden ist er in der kunstvollen Architektur des Buches. Die hat er angelegt wie einen barocken Garten mit seinen Spiegelachsen und Verdoppelungen. So ist der Schauplatz des Romans zugleich der Schauplatz der Fernsehserie, die Max Hornung hinterlassen hat. Wichtige Darsteller des Buches waren zugleich Darsteller in der Fernsehserie, die wiederum ein Erzählgegenstand des Romans ist. Zu dieser romantisch ironisierenden Verdoppelungstaktik, die bewirkt, dass nichts ganz das ist, was es ist, gesellt sich der barocke Ziergarten rund um den Brunnen im Schlosspark von Sanssouci, wo das erschöpfte Romanpersonal sich von seinen kapriziösen Romanauftritten erholt. Die kühle Künstlichkeit, das ganz und gar nicht Lebensunmittelbare der Erzählung wird ständig hervorgehoben. Um bloße "Szenen" handele es sich, heißt es wiederholt, um einen "Bildrand", der "verlassen", "betreten" oder einfach "beobachtet" wird. Das Welttheater zu Gast in Potsdam.

Mit dieser Überhöhung des Schauplatzes weg vom lebensechten Hast-du-heute-schon-Jauch-gesehen-Potsdam, samt seinen plappernden Kulturamtsleitern und Magistratsvorsitzenden, hin zur großen biblisch-vorabendserienhaften Menschenbühne, samt ihren gefallenen Engeln und heiligen Trinkern, begibt sich der Roman auf eine rasante Himmelfahrt. Er sprengt die engen Mauern aus Karstadt, Kneipe und Kinderladen, die er sich selbst errichtet hat, und malträtiert sein bemitleidenswertes Provinz-Personal mit der größten aller Menschheitsfragen: Was ist Wahrheit? Die Wahrheit eines Menschen, die Wahrheit eines Augenblicks, die Wahrheit einer Liebe, die der Armut, die des Westens, die des Ostens. Es sind unzählige Wahrheitsfragen, die das Buch durchziehen und einen erdigen Geschmack nach Gottesacker, russischen Romanen, heiligen Legenden und wortreicher Unbeantwortbarkeit zurücklassen.