Ich versuche mir vorzustellen, wie Hanno Rauterberg wohl Anfang des vergangenen Jahrhunderts die Entscheidung des württembergischen Königs Wilhelm II., den heutigen Kopfbahnhof in Auftrag zu geben und bauen zu lassen, kommentiert hätte. Ohne Rücksicht auf bestehende Bebauung wurde der reizvolle Talkessel 17 Jahre lang in eine Großbaustelle verwandelt. "Größenwahn" wäre da wohl das Mindeste gewesen.

Keine Frage, dass der zunehmende Eisenbahnverkehr damals einen neuen Bahnhof erforderte und dass mit dem Bonatzbau ein eindrucksvoller Monumentalbau entstand. Jedoch auch keine Frage, dass der Talkessel durch Gebäude, Abstellgleise, Überwerfungsbauwerke und einen Abstellbahnhof verschandelt wurde. Dies kann durch Stuttgart 21 größtenteils repariert werden. Der städtebauliche Gewinn für die Stadt kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die hohen düsteren Bauwerke, die heute den Schlossgarten einschnüren, fallen weg und neue attraktive Bereiche entstehen – auch zum Wohnen.

Dass das Projekt mit enormen Kosten verbunden ist und dass die Risiken groß sind, ist nicht zu bestreiten. Aber das war auch so, als 1907 die Entscheidung für den neuen Bahnhof fiel.

Wilhelm Lange, Schorndorf