Ulrich verwechselt Ursache und Wirkung. Vernünftige Politik ist nicht deshalb immer schwieriger, weil die Volksparteien an die kleineren Konkurrenten Stimmen verlieren, sondern umgekehrt wird ein Schuh draus: Die Großen verlieren Stimmen, weil sie fantasielos sind und ihr politisches Handeln immer weniger auf programmatischen Vorstellungen und Konzepten basiert.

Es ist stattdessen fast nur noch Krisenmanagement, das hektisch auf die Topschlagzeilen des Tages reagiert. Gibt’s irgendwo einen Wirbelsturm, gefällt sich Merkel als Klimakanzlerin – in der Finanzkrise ist davon dann nichts mehr zu sehen!

Wenn beide Volksparteien immer weniger zu unterscheiden sind, wie man es etwa beim BKA-Gesetzentwurf erleben konnte, wo der Schäublesche Sicherheitswahn nicht etwa vom Koalitionspartner SPD in der Regierung, sondern erst im Bundesrat (von einer Landesregierung mit exakt der gleichen Farbkombination wie im Bund!) gestoppt wurde, so kann gerade der von Ulrich ersehnte "Verantwortungswähler" eine Stimme für diesen Brei intellektueller Mittelmäßigkeit kaum mit seinem Gewissen vereinbaren.

Es kommt halt nicht in erster Linie auf die Färbung der Koalition an, sondern auf ihre Qualität: Es ist nicht gesagt, dass eine Dreierkoalition besser regiert als die gegenwärtige schwarz-rote. Aber viel schlechter geht es eigentlich auch nicht.

Dr. Dirk Kerber, Darmstadt

Bernd Ulrich baut einen Mythos auf, um die Verantwortung von der politischen Elite, Politikern, Journalisten und mehr und mehr Wirtschaftsfunktionären, abzuwälzen: auf den Wähler.

Nicht "der" Wähler hat die Grünen und die Linken gegründet, sondern die etablierten Parteien haben durch beharrliche Ignorierung der Interessen eines erheblichen Anteils der Wähler erreicht, dass trotz Fünfprozentklausel neue Parteien erst in die Landtage, dann in Regierungen und Bundestag kamen.