Die Frage: Lukas und Anne sitzen an einem wunderschönen Sommerabend im Garten eines Lokals. Seit zwei Jahren sind sie zusammen. Sie ist gerade von einer Auslandsreise zurückgekommen, stellt ihm eine Flasche landestypischen Verdauungsschnaps als Mitbringsel hin. Lukas bedankt sich knapp, aber im Grunde ärgert ihn das Geschenk. Er mag keinen Schnaps, verträgt ihn nicht mal. Als die Bedienung mit der Rechnung kommt, weiß er, dass Anne von ihm erwartet, eingeladen zu werden. Schon oft haben sie deshalb gestritten. Anne hat weniger Geld als Lukas. Er hingegen hat das Gefühl, dass seine Freundin ihn ganz selbstverständlich als Geldgeber ausnutzt. Mit einem Impuls von Trotz, der auch mit dem Ärger über den Schnaps zu tun hat, sagt er: "Getrennt, bitte." Da schüttet ihm Anne ihr Glas Wein ins Gesicht.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Führen die beiden einen Krieg oder eine Beziehung? Solche Kämpfe sind mir ein Rätsel, aber sie sind gar nicht so selten, wenn zwei Menschen aneinandergeraten, die ein geringes Selbstbewusstsein haben. Beide sind auf Liebesbeweise angewiesen, die sie gleichzeitig misstrauisch prüfen, weil sie ja eigentlich nicht glauben, liebenswert zu sein. Die Spannungen eskalieren, wenn solche Partner sich nach einer Trennung wiedersehen. Denn jeder hat in der Zwischenzeit sein Bild des anderen den eigenen Vorstellungen gemäß zurechtgeschummelt: Anne hat sich einen Lebensgefährten eingebildet, der sich über jede kleine Geste freut und dadurch endlich großzügig wird; Lukas hat sich eine Partnerin ausgemalt, die nicht von ihm versorgt werden will, sondern endlich mal ihn einlädt.

Wolfgang Schmidbauer, 67, ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten, von ihm erschien u.a. "Das Mobbing in der Liebe", Gütersloher Verlagshaus

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Welchen Problemen Wolfgang Schmidbauer in seiner täglichen Praxis begegnet, erzählt er im Interview mit ZEIT ONLINE.