Ich traf eine Jugendfreundin. Wir waren in unserer Studentenzeit zusammen, wir hatten eine gemeinsame Wohnung und sind gemeinsam wochenlang in Indien und Sri Lanka und derartigen Ländern herumgereist. Die Jugendfreundin rührte in ihrem Kaffee und sagte: "Ich wollte dich ermorden. Das wollte ich eigentlich immer mal erzählen."

Na ja, sagte ich sinngemäß, kein Problem, solche Gedanken hat vermutlich fast jeder Mensch irgendwann. Man ist auf jemanden sauer, man ist extrem wütend, man hat ein leicht entzündbares Temperament, und schwups, schon wünscht man jemandem den Tod oder hat Mordfantasien. Zwischen Denken und Tun gibt es zum Glück einen großen Unterschied. Kein Problem.

"So war das aber nicht", sagte die Freundin. "Ich habe nicht bloß für einen kurzen Moment den Gedanken gehabt. Ich habe den Mord, wie es sich für einen richtigen Mord gehört, geplant und vorbereitet."

Es war in Sri Lanka. Siebziger Jahre. Wir wohnten am Strand. Neben dem Dorf begann eine Steilküste, die sich einige Kilometer die Küste entlangzog und an ihren höchsten Stellen an die hundert Meter hoch war. Während ich am Strand lag und las, vermutlich Adorno, Dialektik der Aufklärung, ging sie zu dieser Steilküste und suchte eine Stelle aus, die zum Herunterschubsen gut geeignet war, eine Stelle, die nicht beobachtet werden konnte, eine Stelle, wo es tief und gerade nach unten ging, ohne die Möglichkeit, sich an einem Strauch oder an Steinen festzukrallen, gleichzeitig eine Stelle, wo es eine Aussicht gab, also für den Spaziergänger ein Motiv, stehen zu bleiben, sich an den Rand der Küste zu stellen und jenen falschen Schritt zu tun, der ihm vermeintlich, nach Ansicht der nach seinem Tod ermittelnden Polizei, zum Verhängnis wird.

Sie überredete mich zu einem Spaziergang in der Abenddämmerung. Sie achtete darauf, dass uns Leute sahen und dass wir einen harmonischen Eindruck machten. Dann gingen wir zu der Stelle. Ich blieb an der Stelle stehen, natürlich wegen der grandiosen Aussicht, genau auf dem richtigen Punkt, ein paar Zentimeter vor dem Abgrund. Sie stand hinter mir.

"Warum hast du es dir anders überlegt?", fragte ich. "Ich hatte plötzlich das Gefühl, mit der Schuld nicht leben zu können", sagte sie. "Ich hätte mein Leben lang an diese Sache denken müssen und mich schlecht gefühlt. Das ist mir in letzter Sekunde klar geworden."

"Ach, in Wirklichkeit hättest du diese Sache doch heute wahrscheinlich längst vergessen", sagte ich. "Da hast du dir unnötig Sorgen gemacht. Reue, schlechtes Gewissen, das verdrängt man doch."
"Stimmt", sagte sie.