Dresden ist Wladimir Putin mehr als jede andere deutsche Stadt ans Herz gewachsen. Hier hat er zwischen 1985 und 1990 den sowjetischen Geheimdienst gestärkt. Hier hat er nach dem Fall der Mauer die aufbegehrende Menschenmenge am Sturm der KGB-Zentrale gehindert. Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich, der zu Putins Dienstzeit den SED-Staat durch seinen Beitritt zur Blockflötenpartei der Ost-CDU stützte, konnte dem Premierminister Russlands am Freitag mit dem sächsischen Dankesorden ein weiteres Souvenir der deutsch-russischen Verbundenheit schenken. Nur eine böse Erinnerung trübt die Dresdner Harmonie: Am 10. Oktober 2006 kam Putin schon einmal zu Besuch. Da war die Journalistin Anna Politkowskaja, eine unbestechliche Chronistin der Verbrechen in Tschetschenien und harsche Putin-Kritikerin, gerade drei Tage tot. Erschossen im Aufzug ihres Wohnhauses. Vereinzelte "Mörder!"-Rufe begrüßten Putin damals vor dem Dresdner Schloss.

Den Dankesorden, eine Brosche aus 18-karätigem Gold, erhalten Menschen, die "gegen den Strom" Gutes für Sachsen leisten. In Russland bekommt mancher, der gegen den Strom schwimmt, eine Kugel in den Kopf. Zwei Tage nach der Preisverleihung in der Semperoper erschoss ein Unbekannter in Moskau, zwei Querstraßen vom Kreml entfernt, den Rechtsanwalt Stanislaw Markelow und seine Begleiterin Anastasija Barburowa, eine freie Journalistin der Nowaja Gaseta. Für diese kremlkritische Zeitung hatte auch Politkowskaja gearbeitet.

Einer der bedeutendsten Fälle des 34-jährigen Markelow war der Prozess gegen den früheren Oberst Jurij Budanow, der als bislang ranghöchster Offizier der russischen Armee wegen eines Verbrechens in Tschetschenien verurteilt wurde. Im März 2000 hatte der Panzerkommandant die damals 18-jährige Elsa Kungajewa in seinem Zelt erwürgt. Budanow bekam eine Haftstrafe von zehn Jahren. In der vergangenen Woche wurde er vorzeitig auf freien Fuß gesetzt, wogegen Markelow als Anwalt der Familie der Ermordeten mit juristischen Mitteln vorging.

Das müsste ganz im Sinne des Präsidenten Dmitrij Medwedjew gewesen sein, der sich selbst als Jurist "bis in die Haarspitzen" bezeichnet. Die Reform der Justiz ist das einzige ausformulierte Amtsversprechen, mit dem er im Mai vergangenen Jahres Putins Nachfolge antrat. Medwedjew beklagt den "Rechtsnihilismus" im Land und redet einem "neuen Rechtsverständnis" das Wort. Aber schon Putin hatte einst die "Diktatur des Gesetzes" versprochen. Verändert hat sich nichts.

Im Moskauer Prozess über den Mord an Politkowskaja hat die Staatsanwaltschaft nur einige vermeintliche Helfershelfer vor Gericht gebracht. Der mutmaßliche Mörder ist untergetaucht. Über die Hintermänner ist offiziell nichts bekannt. Wer für das Verbrechen an Politkowskaja verantwortlich sei, müsse verhaftet und bestraft werden, hat Putin vor gut zwei Jahren in Dresden verkündet. Nichts davon ist eingelöst worden. Zudem leben mittlerweile auch Anwälte, Richter und Staatsanwälte in Russland sehr gefährlich.

Für die Ermittler im Fall Markelow ist eine Vielzahl von Motiven denkbar. Der Anwalt vertrat in den vergangenen Jahren neben der tschetschenischen Familie Kungajew auch tschetschenische Folteropfer, Angehörige ermordeter Skinheads und eines halb totgeprügelten Journalisten, der über unsaubere Geschäfte seiner Stadtregierung in der Nähe Moskaus berichtete. Die Untersuchung wird vermutlich wie meist bei spektakulären Auftragsmorden höchstens Tatverdächtige, aber nicht die Auftraggeber ans Licht bringen. Die weitgehende Straflosigkeit, die mangelnde politische Rückendeckung für Ermittler und die Apathie in der Bevölkerung lassen den Auftragsmord in Russland als toleriertes Mittel der Konfliktlösung erscheinen. Daran wird sich nichts ändern, solange die Regierenden in öffentlichen Warnungen zeigen, worüber sie sich wirklich sorgen: über mögliche Protestdemonstrationen in Zeiten der Krise.