Ein halbes Jahrhundert lang haben Amerikas Maler, Bildhauer und ihre Galeristen – von de Kooning und Pollock bis Warhol und Serra – den Kunstmarkt ästhetisch globalisiert und kommerziell dominiert. Andrew Wyeth, der aus einer bekannten Künstlerfamilie stammte und am 16. Januar im Alter von 91 Jahren starb, zählte nicht zu den Ikonen der amerikanischen abstrakten Expressionisten. Im Gegenteil, die Kunstkritik stellte den Realisten, der Ölfarben mied, stattdessen mit Wasserfarben und Eitempera malte, allenfalls neben den genialen Illustrator Norman Rockwell – kitschgefährdet sei er, perfekter Handwerker vielleicht, aber kein wahrer Zeitgenosse. Alles korrekt, und dennoch – dass sein altmeisterlich-rätselhaftes Bild Christinas Welt einen Ehrenplatz im Museum of Modern Art in New York behauptet, spricht für dessen effektbewussten Kurator: Eine gelähmte Frau kriecht halb sitzend, halb liegend auf eine ominöse Scheune zu, die unerreichbar scheint. Sie gehörte der Familie Olson in Maine am St. George River und steht immer noch da, als warte sie auf Christina Olsons Ankunft. Christina lebt nicht mehr. Doch ihr Konterfei behauptet einen Ehrenplatz im imaginären Museum der USA – ein Gegenbild zur anstrengenden Moderne, das seine eigene Epoche behauptet.

Wyeth’ akribisch genaue Naturbilder – Bäume, Wiesen, Äste mit dazugehörigem ländlichem Personal – fanden ihre Liebhaber. Hier offerierte ein Künstler verloren geglaubte, wenngleich falsche Gewissheit. Alles war da, außer Bambi.

Eine publizistisch perfekt vorbereitete Ausstellung des sogenannten Helga-Zyklus in Washington im Jahr 1987 brachte ihm (und ihr) die Titelseiten von Time und Newsweek ein: Helga Testorf, eine robuste deutschstämmige Haushaltshilfe aus Wyeth’ Nachbarschaft in Pennsylvania, hatte jahrelang als Aktmodell sitzend, stehend, schlafend in freier Natur posiert. Die genaue Nackte schockierte und delektierte das prüde Publikum. Wyeth’ Frau, um einen Kommentar zur Bedeutung der Bilder gebeten, sagte nur: "Love." Nein, sagten seine Freunde, es ging um Schatten und Licht auf dem Körper einer Frau. Das auch. Verliebt zeigte sich hingegen ein japanischer Industrieller, der die Serie für 45 Millionen Dollar kaufte. Wyeth war endgültig auf dem großvolumigen Kunstmarkt angekommen, auch wenn seinen Verehrern vorübergehend das nötige Geld fehlt. Er hätte es malen können. Nun ist der Künstler tot, was wohl nichts anderes heißt, als dass seine Zeit endgültig gekommen ist.

Foto: Adelson Galleries/AP