Im Jahr 1964 war Ernst Wilhelm Nay auf dem Höhepunkt seines Ruhmes angelangt. Mit abstrakten Gemälden, zunächst noch vom Kubismus geprägt, später von bunten Scheiben bestimmt, repräsentierte er das moderne Gesicht der jungen Bundesrepublik. Die Nazis hatten Nay geächtet, jetzt widmeten ihm die Museen Einzelausstellungen, er durfte sein Land auf der Biennale in Venedig vertreten und erhielt zahlreiche Preise. Auch die Privatsammler liebten seine farbige, heitere Kunst, in Deutschland und Übersee feierte er kommerzielle Erfolge. Und dann, 1964, beauftragte Arnold Bode ihn, drei Bilder für die Documenta III zu malen, und zwar gigantisch große Bilder für die damaligen deutschen Verhältnisse, vier mal vier Meter, die Leinwände mussten extra in Belgien besorgt werden. In pastos aufgetragene Farbfelder malte Nay abstrahierte Augen. Nach den Scheiben- waren diese "Augen-Bilder" Nays neue Spezialität. Die extragroßen Exemplare für die Documenta hängte Bode wie in einer Kathedrale an die Decke eines Saals. Das war für einige zu viel der Nay-Verehrung.

Mit der Documenta III drehte sich die Stimmung, in den Feuilletons stritt man nun über die Qualität Nays Kunst. In den vier Jahren bis zu seinem Tod 1968 interessierten sich die Sammler wenig für dessen neueste Arbeiten, zur Documenta IV wurde er nicht mehr eingeladen. Obwohl Nays späte Bilder, das beweist jetzt eine konzentrierte Ausstellung in der Frankfurter Schirn, zu seinen schönsten Werken zählen.

Da traf in einem bundesrepublikanischen Atelier Frankreich auf New York, die Scherenschnitte von Matisse begegneten der Hardedge-Malerei von Ellsworth Kelly. Diese Nay-Gemälde sind gar nicht mehr pastos, die Farben mischen sich nicht. Klar abgegrenzt bilden sie zweidimensionale Flächen, gelbe, blaue, rote Formen, die an melanesische Masken und Lavalampen erinnern. Nach oben und unten scheinen diese Bilder offen zu sein, die Formen finden kein Ende, sie sind all over. Zum Beispiel Sinus von 1966: Auf weißem Grund zieht sich eine schwarze Schliere von links unten nach rechts oben, die sich tropfenförmig öffnet und ausbuchtet und von zwei dicken gelben Us eingerahmt wird. Spannungsvoll und frisch wirken diese Bilder heute noch im Vergleich zu den drei bieder-expressiven "Augen-Bildern", die die Kritiker Nays auf den Plan gerufen hatten – und die nun in Frankfurt abermals von der Decke hängen. Eigens hat man den Documenta-Saal rekonstruiert.

Ein Artikel in der ZEIT löste damals die Diskussionen um Nay aus, geschrieben hatte ihn im September 1964 der Künstler Hans Platschek : Beim genaueren Anschauen von Nays Kunst zeige sich, dass dieser eben nur bunte Scheiben auf Leinwände male. Noch schlimmer sei allerdings die antiintellektuelle Ideologie, die sich hinter Nays abstrakter Malerei verberge: Aus dem Nayschen "Bodensatz von Mystizismus, Artistentum und Absage an Vernunft", so Platschek, ergebe sich "nocheinmal die Verordnung, man dürfe den Lauf der Dinge nicht stören".

Kritiker beschimpften Nay als gefällig und "genialisch präpotent"

Gestoßen hatten sich Nays Kritiker nicht nur an seinem Ruhm und der angeblichen Gefälligkeit seiner Kunst, sondern auch an seinem Auftreten. Nays Schriften zeugen von einem äußerst gesunden Selbstbewusstsein, seine Theorien zum eigenen Werk sind reichlich verschwurbelt und teilweise blanker Nonsens ("Raum als bildnerischer Gedanke ist die geistige Projektion des Universums als Reales"). Sein Argumentationsstil sei auch deshalb "überverkürzt", hatte Nay einem Sammler erklärt, um den Kreis derjenigen, die ihn verstehen sollten, eng zu halten. Nachvollziehbar also, dass man ihm damals, als sich mit Pop-Art und Fluxus die Kunst zu demokratisieren und zu politisieren begann, "ästhetische Demagogie" und "genialische Präpotenz" vorwarf.

Zu seinem letzten, jetzt ausgestellten Bilderzyklus schrieb Nay, dass er mit dieser "elementaren Malerei" den Gegensatz zwischen Gegenständlichem und Abstraktem hinter sich gelassen habe. Das stimmt sicher nicht. Aber die Bilder wirken stark und zeitlos cool. Um den Reizen ihrer Komposition nachzuforschen, würde man sie gern mit nach Hause nehmen. Man bräuchte dafür nur noch den passenden Bungalow.