Für die meisten von uns ist die Vergangenheit unabänderlich und die Zukunft offen. Der Philosoph Walter Benjamin hingegen hatte die merkwürdige Vorstellung, dass wir die Vergangenheit ändern könnten – dass sie sich durch das, was wir in der Gegenwart täten, umgestalten ließe. Umgestalten gewiss nicht im wörtlichen Sinne, denn wenn an der Vergangenheit etwas gewiss ist, dann, dass sie nicht mehr da ist. Es besteht keine Möglichkeit, die Beschlüsse des Wiener Kongresses oder die Große Hungersnot in Irland im Nachhinein ungeschehen zu machen. Es gehört zu den Eigentümlichkeiten menschlicher Handlungen, dass sie, einmal ausgeführt, nie wiedergutgemacht werden können. Was wahr ist über die Vergangenheit, wird immer wahr über sie sein. Bis ans Ende aller Tage wird Napoleon von gedrungener Gestalt sein und Einstein die Haartracht eines Struwwelpeters haben. Und nichts wird jemals den Umstand ändern, dass Benjamin selbst, ein gläubiger Jude, 1940 kurz hinter der französisch-spanischen Grenze Selbstmord beging, als er im Begriff stand, an die Gestapo ausgeliefert zu werden. Sofern sie nicht im wörtlichen Sinne wiederauferstehen, können die unzähligen Generationen von Männern und Frauen, die zugunsten einer Minderheit schufteten und litten – und damit de facto die bisherige Geschichte der Menschheit schrieben –, für ihr elendes Los niemals entschädigt werden.

Benjamin hatte aber etwas anderes im Sinn. Was wir heute tun, meinte er, kann die Bedeutung der Vergangenheit verändern. Mag die Vergangenheit im buchstäblichen Sinn auch so wenig existieren wie die Zukunft, so lebt sie doch in ihren Auswirkungen fort, die einen entscheidenden Teil von ihr bilden. Große Gedichte und Romane gleichen langsam vor sich hin glimmenden Lunten. Wenn sie unter neuen Umständen gelesen werden, beginnen sie, neue Bedeutungen freizusetzen, die ihre Verfasser so wenig hätten vorhersehen können wie Goethe das Privatfernsehen. Für Benjamin sind in Kunstwerken gleichsam Bedeutungen verborgen, die erst in dem, was man ihre Zukunft nennen könnte, ans Licht kommen.

So wissen wir auch mehr über die Französische Revolution oder Stalins Terror als die Menschen, die darin verwickelt waren, und zwar deshalb, weil wir wissen, wozu diese Ereignisse geführt haben. Weil man hinterher immer klüger ist, können wir sie in eine umfassendere Erzählung einschreiben und schlauer aus ihnen werden, als Robespierre oder Trotzkij es je vermocht hätten. Der Preis dieses Wissens ist natürlich Impotenz. Wir können unser Wissen in keiner Weise nutzen, um die Katastrophen der Vergangenheit ungeschehen zu machen. Wir gleichen Männern und Frauen, die aus weiter Ferne wie wild gegenüber der Geschichte gestikulieren, weil es nicht in unserer Macht steht, in ihre Krisen und Konvulsionen einzugreifen.

Wir sind aber nicht gänzlich impotent. Es liegt an uns, sicherzustellen, dass zum Beispiel Michelangelo und Thomas Mann nicht einem Geschlecht angehören, das sich am Ende selbst auslöscht. Sie selbst, die tot sind, haben nicht die Macht, den tragischen Ausgang zu verhindern. Wir hingegen schon. Wir können ihre Geschichten beeinflussen. Wir können das Schicksal jener nicht ändern, die in der Vergangenheit für Gerechtigkeit kämpften und ihre Anstrengungen mit dem Leben bezahlten. Wir können aber durch das, was wir heute tun, ihre Geschichten neu schreiben und ihnen ein klassisches Happy End geben. Auf diese Weise, glaubte Benjamin, könnten wir unsere Vorfahren gewissermaßen erlösen. Für diesen unorthodoxen Linken hatte Nostalgie ein geradezu revolutionäres Potenzial. Heute hingegen ist Nostalgie diffamiert wie Rassismus. Unsere Politiker ziehen es vor, einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen und die alten Kämpfe auf sich beruhen zu lassen. So, glauben sie, könnten wir einen Satz nach vorn in eine blank gescheuerte, leere, gedächtnislose Zukunft machen.

Wenn Benjamin diese Haltung verwarf, so deshalb, weil ihm bewusst war, dass die Vergangenheit entscheidende Mittel für die Erneuerung der Gegenwart birgt. Wer die Vergangenheit ausradiert, läuft Gefahr, auch die Zukunft zu vernichten. Auch die Toten werden vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein, warnte Benjamin kurz vor seinem eigenen Tod. Die Nazis, meinte er damit, würden wie die Stalinisten einfach alles aus den Annalen der Geschichte tilgen, was ihnen nicht behagt. Nicht weniger als die Zukunft galt ihnen die Vergangenheit als eine bloße Knetmasse. Wahre Macht ist die Souveränität über das, was schon geschehen ist, nicht bloß die Fähigkeit, zu bestimmen, was als Nächstes geschieht. In einer seiner scharfsinnigsten Wendungen bemerkte Benjamin, dass es nicht der Traum von befreiten Enkeln ist, der Menschen dazu treibt, sich gegen Ungerechtigkeiten aufzulehnen, sondern das Bild ihrer geknechteten Vorfahren. Indem wir unseren Blick auf die Gräuel der Vergangenheit lenken, fühlen wir uns angetrieben, voranzuschreiten.

Es sind geknechtete Vorfahren, wie Benjamin sie nennt, die Barack Obama in seiner Obhut hat, nachdem er an diesem Dienstag ins Weiße Haus eingezogen ist. Zwar stammt er selbst nicht von ihnen ab, aber er ist doch ein Kind jenes Kontinents, von dem die Sklaven nach Amerika verschifft wurden. Obama ist nicht sonderlich daran gelegen, diesen Umstand zu betonen, der nicht zu seiner mit äußerster Sorgfalt gedrechselten "postrassischen" Rolle passt. Und gewiss dürfen wir von seiner Regierung keinen radikalen Wandel erwarten. Die Vereinigten Staaten werden ein Einparteienstaat bleiben, wie auch immer die kapitalistische Partei jeweils heißt. Trotzdem hat das Land nun, wo ein Schwarzer an der Macht ist, die Möglichkeit, seine Toten zu erlösen. Den USA eröffnet sich die Chance, einen Epilog zu der schmutzigen Geschichte der Sklaverei und des Rassenkonflikts zu schreiben, mit dem niemand gerechnet hat.