Als am 27. Januar 1996 zum ersten Mal der "Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus" begangen wurde, mischte sich Genugtuung mit Ratlosigkeit bei allen, die sich in Museen, Gedenkstätten und Bürgerinitiativen um die Erinnerung an die NS-Verbrechen bemühen. Genugtuung, weil mit der Proklamation des Gedenktages durch Bundespräsident Herzog die Bedeutung der eigenen Arbeit für das Selbstverständnis der Bundesrepublik anerkannt wurde. Und Ratlosigkeit, weil unklar war, wie man einen solchen Tag begehen sollte, für den es kein Vorbild gab.

An die Stelle der Ratlosigkeit ist seither Routine getreten, die allerdings nicht unbedingt verwerflich sein muss. Natürlich bleibt eine Spannung zwischen dem Ritualcharakter von Gedenktagen und dem Ziel, mit jeder Veranstaltung und jedem Projekt zum Thema des nationalsozialistischen Massenmordes die Bürger auch zu erreichen und zu bewegen. Aber die Veranstalter auf der höchsten Ebene des Bundestages wie auch der zahlreichen lokalen Gruppen können in der Regel mit ihrer Arbeit zufrieden sein, sie erreicht die Bürger.

Trotzdem weckt die Gedenkpraxis Unbehagen. Denn es hat sich eine Opfererinnerung herausgebildet, die bedeutende Aspekte der historischen Realität der NS-Mordpolitik ausblendet. Dabei ist die Verkürzung des Gedenktages auf den in den Medien üblichen Begriff "Holocaustgedenktag" noch verständlich, galten die Juden den Nazis doch als Wurzel allen Übels, standen sie im Zentrum der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik. Die Verkürzung des Gedenktages auf diese Opfergruppe scheint auch verständlich, wenn man sieht, welche Opfer der Verfolgung noch erwähnt werden. "Jährlich wird an diesem ›Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus‹ an die Millionen ermordeter Jüdinnen und Juden, aber auch der anderen Opfer des deutschen Nationalsozialismus: der Euthanasieopfer, der Sinti und Roma, der Kommunisten, der Sozialdemokraten, der Gewerkschafter, der Homosexuellen und der Christen gedacht."

Diese Charakterisierung (wie sie beispielhaft vom Bezirksamt Mitte von Berlin im vergangenen Jahr formuliert wurde) fasst idealtypisch die gegenwärtige Wahrnehmung der Mordopfer zusammen, sie findet sich in den Reden hoher Repräsentanten der Bundesrepublik wie etwa des Bundespräsidenten Johannes Rau im Jahr 2001 wie auch in den zahlreichen lokalen Gedenkfeiern. Und auch das Ensemble von Berliner Denkmälern, mit denen offiziell an die Verbrechen des Nationalsozialismus erinnert wird, entspricht im Wesentlichen diesem Erinnerungsraster: das Denkmal für die ermordeten Juden Europas, das (noch nicht fertiggestellte) Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma, das für die verfolgten Homosexuellen sowie das Denkmal, das an die "T4-Aktion" zur Ermordung der Behinderten erinnert.

Die nach Millionen zählenden Opfer, die unter den rassistischen Prämissen nationalsozialistischer Herrschaft als "slawische Untermenschen" in Osteuropa ermordet wurden, fallen dagegen noch immer aus der Erinnerung der deutschen Öffentlichkeit heraus. Noch immer ist die Mordpolitik gegen die serbische Bevölkerung kein Thema, sind die weit über eine Million zählenden nichtjüdischen Opfer des NS-Terrors in Polen keiner Erwähnung wert, sind die Millionen sowjetischer Bürger, die die deutsche Führung im Frühjahr 1941 in der Sowjetunion durch direkte Gewalt und vor allem durch Hunger vernichten wollte, nicht in das Gedenken an die Opfer eingeschlossen worden. Nicht die über drei Millionen (von insgesamt 5,7 Millionen) sowjetischen Kriegsgefangenen, die, aller Schutzbestimmungen des Völkerrechts beraubt, durch Hunger oder Erschießung getötet wurden, nicht die 800000 bis eine Million Einwohner Leningrads, die Opfer einer Belagerungsstrategie wurden, mit der der Hungertod aller drei Millionen Einwohner der Stadt geplant wurde, nicht die Hunderttausende der bäuerlichen Bevölkerung, die in flächendeckenden Aktionen unter vagestem Partisanenverdacht ermordet wurden. Einzig die polnischen und sowjetischen Zwangsarbeiterinnen fanden 2001, dem Jahr ihrer, nach langer Verzögerung zustande gekommenen, Entschädigung, kurzzeitig Erwähnung, aber auch hier reichte unsere kollektive Empathie nicht aus, sie in die Reihe der Opfer des NS-Terrors aufzunehmen.

Im Oktober 1943 fasste Heinrich Himmler die Grundsätze des Vernichtungskrieges in seiner berüchtigten Posener Rede noch einmal zusammen: "Wie es den Russen geht, wie es den Tschechen geht, ist mir total gleichgültig. … Ob die anderen Völker in Wohlstand leben oder ob sie verrecken vor Hunger, das interessiert mich nur insoweit, als wir sie als Sklaven für unsere Kultur brauchen, anders interessiert mich das nicht. Ob beim Bau eines Panzergrabens zehntausend russische Weiber an Entkräftung umfallen oder nicht, interessiert mich nur insoweit, als der Panzergraben für Deutschland fertig wird. Wir werden niemals roh und herzlos sein, wo es nicht sein muss; das ist klar. Wir Deutsche, die wir als einzige auf der Welt eine anständige Einstellung zum Tier haben, werden ja auch zu diesen Menschentieren eine anständige Einstellung einnehmen…"