Altern ist immer noch ein Problem für Künstler. Auf der jüngsten CD der Toten Hosen zum Beispiel erwischt es auch deren Sänger, den Mittvierziger Campino: "Die Zeit", singt er, "tropft an uns vorbei, / bis wir fragen, was mal bleibt / von den Spuren unserer Wege." Künstler in der Midlife-Crisis ist auch Palestrina, der titelgebende Tonsetzer in Hans Pfitzners Oper, die 1917 im Münchner Prinzregententheater uraufgeführt wurde. Die Krise sieht man Palestrina auch noch 92 Jahre später in der Münchner Staatsoper direkt an: Der Komponist (Christopher Ventris) rauft sich am Schreibtisch manisch das Haupthaar, zerknüllt ständig Notenpapier und hat den Klaren in Reichweite stehen. Derweil arbeitet die Dirigentin Simone Young – die Aufführung ist eine Koproduktion mit ihrem Hamburger Opernhaus – daran, Pfitzners süßliches und zugleich keusch konstruiertes Orchestervorspiel aufblühen zu lassen.

Es ist dies – nach Alban Bergs Wozzeck – die zweite Münchner Premiere unter der Ägide des Intendanten Nikolaus Bachler; ein Bezug zwischen dem gewählten Stück und der Stadt war ausdrücklich erwünscht. Die "musikalische Legende" greift eine fiktive Geschichte um den Kirchenmusikreformer Giovanni Pierluigi da Palestrina (um 1525 bis 1594) auf: Auf dem Konzil von Trient 1563 wird die Erneuerung der Kirchenmusik strikt begrenzt; der Kardinal Borromeo bestellt bei Palestrina eine Musterkomposition, an der sich fortan alle geistliche Musik zu orientieren habe. Der Komponist lehnt zunächst ab, nach einer nächtlichen Vision schreibt er aber eine Messe, die alle Kritiker musikalischer Freiheit verstummen lässt; der Papst persönlich gratuliert.

Bei Pfitzner wird der Musiker zum einsamen Schöpfer, der es mithilfe von Engeln und Zuspruch aus dem Jenseits von seiner verstorbenen Frau noch einmal schafft, in polyphoner Manier, also im alten Stil, zu komponieren. Pfitzner lässt ihn am Schluss der Oper nichts als sich selbst hören, kein Jubel aus dem Vatikan kümmert ihn, er organisiert sich vielmehr einen leisen Triumphmarsch. Pfitzner feiert sein Alter Ego. Nicht zufällig saß Thomas Mann so gerne in Vorstellungen von Palestrina und verewigte den Komponisten als Bruder im Geiste: Kunstproduktion musste für ihn mit Schmerzen verbunden sein.

Im nicht enden wollenden zweiten Akt, der auf dem Konzil in Trient spielt, drängt der Klerus auf die Bühne wie Hochwasser. Reflexartig mag der Intendant Bachler da an Christian Stückl als Regisseur gedacht haben. Stückl, der das Münchner Volkstheater leitet, hat die Oberammergauer Passionsspiele vom Staub befreit, einen Salzburger Jedermann inszeniert, der auf nicht mehr ganz so hohen Stelzen läuft, und eine Fußball-WM-Eröffnung, für die sich der Zauberer André Heller zu schade war. Stückl kann gut erden, was theatralisch zu entschweben droht. Palestrina aber ist von Natur aus entrückt, Pfitzner nicht ganz von dieser Welt. Stückl bekommt das Stück erst gar nicht richtig zu fassen. Also führt er es vor.

Vom Anfang der fünf Stunden an ist im Nationaltheater trotz der zum Guckkasten verkleinerten Bühne alles immer eine Nummer zu groß und zu grell, zu platt und zu unproblematisch. Das beginnt mit dem klassischen Klischee-Künstleroutfit des Komponisten und geht weiter mit dem Hänsel-und-Gretel-Getue der einzigen beiden Frauen (in Hosenrollen: der abtrünnige Musiklehrling Silla und, immerhin das vokale Ereignis des Abends, Christiane Karg als Palestrinas Sohn Ighino). Als sie streiten, ob der Alte nicht mehr komponieren kann oder nicht mehr sollte, offenbart Stückls Detailregie, was ihm an dem Stück am meisten auf die Nerven geht: Es ist Pfitzners selbstbezogene Wehleidigkeit, sein Dauerlamento im ersten Akt. Stellvertretend lässt Stückl Silla schwer die Augen rollen, als Ighino ihm mit Sprüchen kommt: "Man geht und weint, weil man geboren ist." Nein, es ist nicht Stückls Welt und Werk und Vorstellung vom Theater.

Fortan hält er sich die Figuren auf der häufig quietschbunten Bühne von Stefan Hageneier als Karikaturen vom Leib: Sie fallen als froschgrüne Engel vom Bühnenhimmel oder mit schwarz gerändertem Mund in superpinken Kutten übereinander her. Sie könnten schwuler nicht sein (wie der Fingernägel feilende Novagerio von John Daszak) und dekadenter nicht auftreten als der Legat Morone – er kommt in einer Superstretchlimousine. Folter und Massenmord, die Pfitzner immerhin thematisiert, tauchen hier lediglich als folkloristische Randerscheinungen auf. Namentlich im zweiten Akt hat Simone Young mit dem Bayerischen Staatsorchester dabei ihre Momente, kommt jedoch selten über gut abgezirkelte Motorik hinaus. Der Rest ist – nett. Gut gemeint. Schmunzelsachen. Der Papst als Plumpaquatsch mit Riesenaugendeckeln und Maske. Die Komponistenkollegen als Haute-Couture-Gerippe. Solche Dinge. Christian Stückl hat vorher gesagt, er habe während der Proben eine Furche in den Boden des Saals gelaufen. Seine Spur gewissermaßen. Vorsichtshalber schaut man beim Rausgehen noch mal ganz genau nach. Aber da ist eigentlich: nichts.