Größer geworden ist sie wieder, ein gutes Stück, gewachsen um mehr als 21000 Quadratkilometer, die schöne neue Welt der FDP. Nach ihrem Wahlerfolg, nein, nach ihrem historischen Triumph in Hessen regieren die Freidemokraten nun in den fünf größten Bundesländern, insgesamt 55 Millionen Deutsche, so rechnen einem stolze Liberale dieser Tage allenthalben vor, stünden bereits unter der Obhut eines Landeskabinetts unter ihrer Beteiligung. Tendenz weiter steigend.

Bei ihrer Denkzettelwahl sprach sich die Mehrheit der Hessen klar und deutlich für eine bürgerliche Regierung aus – und klar und deutlich gegen Roland Koch. Den Kollateralnutzen trägt die FDP davon. Ihr Spitzenkandidat, der brave Jörg-Uwe Hahn, darf sich nach 16,2 Prozent der Wählerstimmen als neuer politischer Star fühlen. Ein Star der Andreas-Pinkwart-Klasse, der Martin-Zeil-Kategorie. Ein Star wie Ulrich Goll und Walter Hirche, allesamt stellvertretende Ministerpräsidenten, in Nordrhein-Westfalen, Bayern, Baden-Württemberg, Niedersachsen. Ersatzlandesväter, die selbst Landeskinder kaum kennen. Schwergewichte, die man leicht übersieht. Männer, die einen glauben lassen, Blau-Gelb sei nur ein anderes Wort für Grau. Anscheinend sind die Menschen der Großen Koalition, so eine erste Erkenntnis, so überdrüssig, dass die FDP, wie in Hessen, nur politisch Selbstverständliches leisten muss – Wort halten –, um in historische Höhen aufzusteigen. Die zweite Erkenntnis lautet, dass die FDP als Überlaufbecken bürgerlichen Unmuts zwar prima funktioniert, fraglich aber bleibt, ob sie mehr sein kann als temporärer Zufluchtsort all jener, die sich in Angela Merkels CDU heimatlos fühlen. Und die dritte: Guido Westerwelle schreckt kaum noch jemanden ab.

Der FDP-Chef, als Nummer eins der FDP derzeit so unumstritten wie nie, gab dem stern kurz vor Weihnachten ein Interview, mit dem er eine Frage aus dem Weg räumen wollte, die – aus seiner Sicht – sein großes Ziel im Wahljahr 2009 bedrohte: Darf ein Schwuler deutscher Außenminister werden? Sie führt gleich doppelt in die Irre. Zum einen, weil sie von der Existenz eines Tabus ausgeht, das längst aufgehoben ist.

Selbst Westerwelles ausgesuchte Höflichkeit wirkt überzogen

Und zum anderen, weil sie von der wahren Frage ablenkt. Und die lautet: Kann Guido Westerwelle Außenminister werden?

Von den großen politischen Polarisierern der deutschen Nachwendejahre sind nach dem Abgang von Gerhard Schröder und Joschka Fischer nur noch Oskar Lafontaine und eben Westerwelle übrig. Doch während der Erste seinen ganz persönlichen Triumph 750 Kilometer von Berlin entfernt, im putzigen Saarland, anstrebt und somit an die Peripherie drängt, steuert der Zweite direkt das politische Zentrum an. Vizekanzler und Außenminister will, soll, manche sagen gar muss Westerwelle nach der Bundestagswahl im Herbst werden, wenn er, um nur den geringsten politischen Schaden zu erwähnen, nicht als derjenige FDP-Chef in die Annalen eingehen will, der seine Partei von der ewigen Regierungs- in eine ewige Oppositionspartei verwandelt hat. Hierfür muss Westerwelle zwei Dinge zeigen: klare Kante, um vergrätzte Unionswähler weiterhin mit marktwirtschaftlichen Glaubensbekenntnissen anzulocken. Und Herz, um den Vorwurf zu entkräften, die FDP betreibe in ohnehin rauer Zeit eine Politik ohne Wärmestrom. Die klare Kante nimmt man Westerwelle unbesehen ab – das Herz nicht.

Kaum einem anderen Politiker werden so viele Vorbehalte entgegengebracht wie Westerwelle. Alles an ihm sei Inszenierung, nichts authentisch, unter jeder Hülle stecke wie bei den russischen Matrjoschka-Puppen stets eine neue, bis man auf den Kern vorstoße – und der sei hohl. Als Belege hierfür gelten Westerwelles Ausflüge in die Spaßgesellschaft, hoch auf dem gelben Guidomobil, mit der aufgemalten 18 unter den Schuhsohlen, seine permanente Selbstaufladung mit Bedeutung, das stete Schielen auf Wirkung, ja selbst seine ausgesuchte Höflichkeit, die fast immer ein wenig zu eilfertig daherkommt, um wirklich herzlich zu sein.