Seit Jahren schon beginnt Waldemar Ignatz’ Arbeitstag damit, dass er Zeitungspakete aufschnürt, die Lkw im Morgengrauen am Hamburger Hauptbahnhof anliefern. Dann verteilt der gebürtige Pole Süddeutsche, Le Monde, El País und USA Today auf die Regale der Bahnhofsbuchhandlung, an denen Reisende später ihre tägliche Informationsration auswählen. Seit Neuestem bekommen Ignatz und seine Kollegen in der "k presse + buch"-Filiale aber auch Zeitungslieferungen, die weder ausgepackt noch einsortiert werden müssen, handelt es sich doch um bloße Datenpakete. Erst wenn sich ein Käufer tatsächlich für eine Gazette entscheidet, wird aus der virtuellen Zeitung eine gedruckte.

"Print On Demand", also "Druck nach Bedarf" nennt sich das Verfahren, das es Ignatz Arbeitgeber ermöglicht, in den Filialen am Hauptbahnhof und am Hamburger Flughafen testweise auch exotische Titel anzubieten. Der Kunde kann auf einem Computerbildschirm das Angebot durchsehen und dann bei einem der Verkäufer den Druck ordern. Verfolgt man die Herkunft der Gazetten auf der Weltkarte, macht man eine mediale Reise um die ganze Erde: Die neuseeländischen Auckland City Harbour News finden sich ebenso wie das Liechtensteiner Volksblatt oder Zhejiang Daily aus China, insgesamt rund 700 Zeitungen aus mehr als 70 Ländern.

Vor dem Drucker sind alle Blätter gleich, jedenfalls, was das Format betrifft: Jede Zeitung wird in DIN A3 gedruckt. Und während die Financial Times sonst in zartem Lachsrosa daherkommt, erscheint sie hier wie alle anderen auf beige-grauem Druckerpapier, das fester ist als das übliche Zeitungspapier – was durchaus Vorteile hat. "Schauen Sie, keine schwarzen Finger", sagt Waldemar Ignatz und lacht, während er mit seinen Händen über die Seiten der New York Post streicht, die er gerade ausgedruckt hat. Am Schluss wird die Wunschzeitung zusammengetackert, oben, unten und in der Mitte, was das Blatt ein wenig an Schülerzeitungen erinnern lässt. Der farbige Titel aber ist gestochen scharf, ebenso wie die Fotos im Inneren.

Keine fünf Minuten dauert es, bis Ignatz die New York Post aushändigt. Dieses Tempo kann er allerdings nicht bei jeder Gazette einhalten. 200 der 700 Titel stehen im Zwischenspeicher des Computers bereit. Verlangt ein Käufer aber nach einer ausgefallenen Zeitung, kann der Druck bis zu 20 Minuten dauern, weil Ignatz die Daten zunächst vom Redaktionsserver herunterladen muss.

Seine Kollegen und er bekommen täglich die gleichen Daten auf den Computer, welche die Redaktionen auch an ihre Druckereien übermitteln. Was etwa bei der New York Post zu einem absonderlichen Zeitvorsprung führt. "Wenn wir hier um neun Uhr unser Exemplar ausdrucken, ist es an der Ostküste drei Uhr nachts, und die Zeitung wird gerade erst ausgeliefert", sagt Ignatz stolz. In Hamburg blättert man also schon durch die neue Post , während New York noch schläft. Auch die pünktliche Lieferung ist so stets garantiert: Egal, ob Flugzeuge durch Streiks oder Lieferwagen durch Schnee und Eis aufgehalten werden – die Druckdaten erreichen den PC stets zuverlässig.

Das Unternehmen Valora Retail, das die Filialen am Hauptbahnhof und auf der Plaza des Flughafens ebenso betreibt wie 157 weitere Buchhandlungen in Deutschland, entscheidet nicht allein, welche Titel auf dem Computerbildschirm zur Auswahl stehen. "Das hängt davon ab, mit welchen Verlagen sich unser Kooperationspartner, Newspaper Direct, handelseinig geworden ist", erklärt Adrienne Schmidthals, die Pressesprecherin des Unternehmens. Natürlich spiele aber auch die Nachfrage eine Rolle.

Was in welcher Filiale gewünscht wird, gibt auch Aufschluss über die Reiseziele der Käufer. "In unserer Filiale auf der Airport Plaza ist die New York Times der Bestseller, am Hauptbahnhof sind es eher skandinavische Titel wie das Ekstra Bladet oder das Svenska Dagbladet", sagt Adrienne Schmidthals. Waldemar Ignatz bestätigt: "Gerade haben wir sehr viele Skitouristen aus dem Norden, die hier umsteigen und sich dann eine schwedische oder dänische Zeitung für die Fahrt ausdrucken lassen."